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Anette Bronder, Geschäftsführerin Digital Division
und Telekom Security bei T-Systems:

„Mehr Startup-Spirit für Großkonzerne“

Fast jede Woche kündigt ein großer Spieler auf dem Markt an, intensiver mit Startups arbeiten zu wollen. Oder sie gründen gleich eine eigene Innovationsschmiede. Anette Bronder von T-Systems erklärt im Interview, warum Konzerne gerade in der Hochgeschwindigkeitsbranche IT auf kleine Firmen setzen – und dass der Programmcode König ist.

Portrait Anette Bronder, Geschäftsführung der T-Systems International GmbH, Digital Division und Telekom Security

Anette Bronder, Geschäftsführerin Digital Division und Telekom Security
bei T-Systems

Seit August 2015 leitet Anette Bronder als Mitglied der Geschäftsführung der T-Systems International GmbH die Digital Division und seit Januar 2017 ebenfalls den Geschäftsbereich Telekom Security. Ihren Hochschulabschluss erwarb Bronder in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Politikwissenschaften an der Universität Stuttgart. Zu Beginn ihrer Laufbahn hatte sie bei Hewlett-Packard verschiedene Führungspositionen inne, unter anderem als Director Professional Services für Mittel- und Osteuropa und Director HP Consulting Deutschland. Bevor Anette Bronder zu T-Systems stieß, bekleidete sie verschiedene Führungspositionen bei der Vodafone GmbH.

Wenn man heute an Startups denkt, kommt einem wahrscheinlich erst das Silicon Valley mit Garagenfirmen wie Apple oder Microsoft in den Sinn oder auch jüngere Neugründungen wie Facebook oder Google. Dabei wird oft vergessen, dass die deutsche Industrie selbst über eine lange Startup-Tradition verfügt – haben doch Gründer wie Daimler und Benz vor über 130 Jahren selbst in der heimischen Garage angefangen und durch ihren Geist einer ganz neuen Branche zum Durchbruch verholfen. Damals ging der Technologietransfer noch von Europa in die USA: Diesen Trend kehrte das Silicon Valley zwischenzeitlich um. Doch deutsche Unternehmen und Verbände arbeiten daran, die Startup-Kultur hierzulande wieder voranzubringen. Die IT&Production hat mit Anette Bronder, Geschäftsführerin Digital Division und Telekom Security bei T-Systems, über das Potenzial der deutschen Startups gesprochen. Die Managerin schildert, wie die Zusammenarbeit mit den ganz kleinen Firmen bei einem der größten IT-Dienstleister der Welt aussieht.

Es scheint einen regelrechten Hype um Startups zu geben. Was ist das Erfolgsgeheimnis junger Unternehmen bei der Entwicklung innovativer Lösungen?

Zuallererst schaffen es Startups deutlich schneller von der Idee zum Produkt. Den Begriff Prozessträgheit habe ich im Gespräch mit Gründern nie gehört. Höchstens bei der Gründung selbst, die wiederum gewisse bürokratische Hürden nach sich zieht. Klar ist aber: Durch ihre Agilität und Schnelligkeit sind Startups im Vorteil. Auch was die Risikobereitschaft angeht, mit der sie neue Ideen umsetzen. Etablierte Konzerne wiederum arbeiten nach klaren Regeln und Vorschriften. Prozesse sind dabei grundsätzlich nichts Negatives – sie werden nur zum Problem, wenn man es nicht schafft, sie dem Tempo der digitalen Welt anzupassen. Und genau darauf kommt es an. Wer digitales Terrain erobern will, muss agil sein und sich schnell den Anforderungen des Marktes anpassen können – in der Arbeitsweise, in der Denkweise und in der Umsetzung.

Oft heißt es, andere Länder sind uns beim Thema Digitalisierung voraus. Hat Deutschland bei digitalen Technologien den Anschluss verpasst?

Nein, im industriellen Umfeld sicher nicht. Wir haben allerdings noch viel Luft nach oben. Deutschland hat eine Top-Startposition im digitalen Rennen. Wir sind Industrienation und Exportweltmeister, wir haben das Industrie-Know-how und von der Fläche des Landes mehr Ingenieure als beispielsweise die USA. Wir haben hierzulande den Ruf, qualitativ hochwertige und revolutionäre Produkte zu entwickeln. Auf diesen Gründergeist besinnen sich deutsche Startups zunehmend. Wir tun viel, um Startups und Innovationen generell zu fördern. Beim Thema autonomes Fahren beispielsweise sind es die deutschen Autobauer, die mehr als 50 Prozent aller weltweit angemeldeten Patente halten. Aber ein Patent ist eben noch kein Produkt. Auf dem Weg zum Produkt neigen wir dazu, die Dinge zu verkomplizieren. Dasselbe gilt für Investitionen in Technologien oder in Startups. Die besten deutschen Startups sind längst vom Markt weggekauft, bevor Unternehmen hier auch nur den Wert ihrer Technologie erkennen. Etablierte Player versuchen es oft lieber selbst, brauchen aber zu lange, und schon vor dem Launch ist der Wettbewerb unaufhaltbar weggaloppiert. Wenn wir uns mit den USA vergleichen: Im Silicon Valley gibt es tagtäglich zig neue Unternehmensstarts, dort ist aber auch eine Kultur des Scheiterns und Scheitern-Dürfens verbreitet. Das ist in unserer Gesellschaft weniger ausgeprägt.

Warum arbeiten Sie verstärkt mit Startups zusammen – schließlich hat T-Systems doch alles an Bord, um selbst neue Technologien zu entwickeln?

Wir haben uns vor einigen Jahren entschlossen, nicht mehr mit viel Invest und Zeitaufwand Lösungen zu entwickeln, die andere Unternehmen entweder schon erfolgreich auf dem Markt oder in wesentlichen Teilen einsatzbereit haben. Stattdessen setzen wir auf Partnerökosysteme mit führenden IT-Playern, kleinen oder großen. Das müssen nicht unbedingt Startups ein. Manchmal tun wir uns auch mit Kunden zusammen, um gemeinsam digitale Lösungen für spezifische Branchen und Bedarfe zu entwickeln. Jeder steuert das bei, was er am besten kann. Nehmen Sie beispielsweise IoT-Hardware, hier ist Huawei einer der führenden Anbieter und kann Produkte in einer Schnelligkeit und zu einem Preis anbieten, bei dem wir als Telekom oder T-Systems nicht mithalten könnten. Auf der anderen Seite brauchen Sie für Digitalisierung nicht nur Hard- oder Software, sondern auch leistungsfähige Netze, durchgängige Sicherheitslösungen und skalierbare, sichere Cloud-Plattformen. Das wiederum bringen wir mit. Startups sind für uns besonders attraktive Partner, weil sie zum einen schon einen Fuß im Markt haben, wenn wir ‘Großen’ noch Konzepte durch den Einkauf oder Rechtsbereich schleusen. Zum anderen haben sie oft dedizierte Branchenexpertise – das so genannte vertikale Know-how, das uns IT-Anbietern oft fehlt.

Was haben die jungen Unternehmen von Ihrem Einstieg?

Zunächst einmal finanzielle Rückendeckung. Wenn es darum geht, neue digitale Märkte zu erschließen, braucht man oft einen langen Atem – nicht alles, was heute technologisch machbar ist, findet auch unmittelbar Anklang am Markt. Startups sind hier wie Speedboote: Sie sind wendig und schnell am Ziel, haben aber nicht das Durchhaltevermögen eines Tankers. Sie sind auf Investoren angewiesen. Speedboote erwischt es außerdem leichter, wenn die See mal rau wird. Hier hilft es, einen Experten mit jahrelanger Markterfahrung an der Seite zu haben, der erste Zeichen für ein Unwetter sofort erkennt. Unsere Mentoren haben bereits zig Produkte gelauncht, umfangreiche Markterfahrung und können Startups vor vielen Stolperfallen bewahren. Mit unserem Inkubator Hub:raum stellen wir jungen Gründern Co-Working-Räume etwa in Berlin, Tel Aviv oder Krakau zur Verfügung. Dem Thema Partnering widmet sich in unserer Innovationseinheit ein dedizierter Bereich. Außerdem bieten wir Zugang zu unserem weltweiten Partner-Ökosystem, zu einer breiten Kundenbasis und nicht zuletzt zu unserer globalen Cloud-Infrastruktur.

Wie werden Sie auf die Firmen aufmerksam?

Gründer können sich mit ihrer Business-Idee einfach unter www.hubraum.com für eines unserer Programme bewerben oder sich auf einer unserer Startup Nights präsentieren. Unabhängig davon halten wir stets die Augen offen nach interessanten Kooperationspartnern. Ich war zum Beispiel erst kürzlich in Tel Aviv und habe mir in unserem lokalen Hub:raum 19 Startups aus Israel angeschaut – von insgesamt 6.000, die es in diesem vergleichsweise kleinen Land gibt, gerade mal so groß wie Hessen. Ein beeindruckender Gründergeist.

In welchen Bereichen suchen Sie die Zusammenarbeit?

Unterschiedlich. Von der intelligenten Logistik über Automotive-Lösungen und -Plattformen bis hin zu Cloud- oder IoT-Anwendungen.


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