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Strategischer Einsatz von Online-Anwendungen

"Cloud Computing ist der höchste Grad von Green IT"

Cloud Computing und Mietsysteme stellen eines der beherrschenden Themen dieses Frühjahrs dar: Auf der Cebit in Hannover fanden sich Datenhaltung und Rechenkapazitäten im Web ganz vorne auf der Tagesordnung. Auch die diesjährige Digital Pharma & Life Science-Konferenz in Wiesbaden räumte dem Cloud Computing eine zentrale Rolle ein. Anlässlich des Presse-Roundtables im Wiesbadener Nassauer Hof stand Ellyn Foltz, neuer Managing Director für industrielle Prozessfertigung bei Microsoft, Rede und Antwort zu Cloud Computing als Beitrag für eine 'grüne' IT-Infrastruktur.


Bild: Microsoft

IT&Production: Frau Foltz, Sie raten Unternehmen auf der ‚Digital Pharma & Life Science‘ zum Einsatz von Cloud Computing-Lösungen im Rahmen von ‚Green IT‘-Strategien. Welchen Nutzen bietet dieser Ansatz?

Ellyn Foltz: Zum einen spielt Green IT eine immer größere Rolle für Industrieunternehmen. Dabei geht es bei weitem nicht mehr nur um den Image-Faktor allein. Richtlinien wie REACH fordern schon seit einiger Zeit Nachweise zur Umweltverträglichkeit von Stoffen. Gleichzeitig werden aus Analystenkreisen die Rufe nach einer belegbaren Umweltstrategie für Unternehmen laut, wie die Vorstöße der Global Reporting Initiative (GRI) zeigen. Die Industrie reagiert entsprechend – so stellte etwa der Interessenverband International Council of Chemical Associations (ICCA) sein Nachhaltigkeitsprogramm ‚Responsible Care‘ vor, das auch der Verband der Chemischen Industrie (VCI) unterstützt. Entsprechend wollen wir als Dienstleister Nachhaltigkeitsprogramme von Unternehmen unterstützen. Dabei spielt auch Cloud Computing eine Rolle: Cloud Computing ist der höchste Grad von Green IT. Durch den Einsatz von bedarfsgerechten Online-Diensten können Unternehmen merkliche Einsparpotenziale umsetzen, da sie abseits von Zeiten mit Spitzenauslastung keine unnötige Serverkapazität vorhalten müssen. Industriebetriebe profitieren dabei von niedrigeren Energie- und Betriebskosten. Gleichzeitig bieten Cloud- und Virtualisierungslösungen der Geschäftsführung eine IT-Infrastruktur, die sich flexibel an ihre strategischen Bedürfnisse anpassen lässt, denn Rechenleistung lässt sich ohne Installation vor Ort auf Basis bedarfsorientierter Abrechnungssmodelle zukaufen. Ein cloud-basierter SaaS-Ansatz verändert auch die Rolle der IT-Abteilungen: Eine reine Administrationsfunktion wird es in Zukunft vielleicht nicht mehr geben. Heutige IT-Leiter müssen der Geschäftsführung bereits als interne Dienstleister zeigen, durch welche neuen IT-Konzepte sich Unternehmensabläufe schnell und kostengünstig verbessern lassen.

IT&Production: Für welche IT-Anwendungen in Industrieunternehmen lohnt sich der Weg in die Cloud?

Foltz: Grundsätzlich lassen sich Cloud-Lösungen in vielen Unternehmensbereichen einsetzen. Die Frage lautet nur, wo es aus finanzieller Sicht sinnvoll ist. Die Einsatzmöglichkeiten von Online-Diensten reichen dabei von Forschung und Entwicklung bis hin zum Kundenbeziehungsmanagement. Allein durch die Virtualisierung von Rechenleistung kann ein Unternehmen massiv Zeit und Energie sparen. Stellen sie sich das Szenario vor, dass ein Forschungsteam aus dem Pharma-Bereich einen großen Teil seiner Arbeit als ‚Green Experiment‘-Simulation durchführt und komplexe Enwtwicklungsexperimente virtuell abwickelt. Dazu sind vor Ort keine großen Rechenzentren nötig – nur das Basisprogramm läuft auf einem Rechner, umfangreiche Kalkulationen werden als Dienstleistung in einem externen Rechenzentrum durchgeführt. Damit steht bei Bedarf genau die Rechenleistung zur Verfügung, die der Betrieb benötigt, in Zeiten mit niedrigem Rechenaufkommen muss das Unternehmen keine Wartungs- und Betriebskosten tragen. BASF etwa hat in einem Pilotprojekt 15.000 Ingenieur-Arbeitsplätze erfolgreich virtualisiert. Aber auch kleine Unternehmen kommen so zu geringen Kosten an große Kontingente von Rechenleistung. Die ‚Cost of Curiosity‘, der Preis der Neugier, sinkt so – das macht den Weg frei für schnellere Produktentwicklungszyklen, auch für ‚grüne‘ Produkte. Oder denken sie daran, dass gerade in Industriezweigen mit starker Regulierung – und dazu zählt die Pharma-Branche – ein unglaublicher Papierverbrauch für Dokumentation herrscht. Eine zentrale Datenablage etwa auf einem Sharepoint-Portal verringert neben Verwaltungsaufwand auch den Papierverbrauch. Nicht umsonst zählen wir allein in Europa, dem Mittleren Osten und Asien derzeit drei Millionen Sharepoint-Anwender. Daneben stellt sich vor der Entscheidung, Geschäftsprozesse in die Cloud zu bewegen, die Frage nach der Firmenkultur: Welche Services möchte ein Unternehmen überhaupt in die Cloud bringen? Viele unserer Kunden schauen auf mehr als 150 Jahre Firmengeschichte zurück und sind bei Neuerungen eher zurückhaltend, bis sich ein Ansatz in der Breite bewährt hat. Wir respektieren diese Haltung.

IT&Production: Ab welcher Unternehmensgröße stehen denn merkliche Einsparungen in Energieverbrauch und Kosten für ein Unternehmen zu erwarten?

Foltz: Das ist eine Frage der eingesparten Resourcen und der Technologie der Rechenzentren, in denen die Lösungen betrieben werden. Microsoft arbeitet beispielsweise mit dem Forschungszentrum CEES in Cambridge daran, den Energieverbrauch sowohl unserer Server als auch der zugehörigen Kühltechnik zu senken – hier können wir schon auf erste Erfolge zurückblicken. Gleichzeitig arbeiten wir daran, in Gebieten wie Wasserverbrauch so grün wie möglich zu agieren. Auch die Nutzung der IT-Ressourcen vor Ort spielt bei Green-IT-Projekten eine wichtige Rolle: Ein Unternehmen, das nur ein Drittel seiner Rechenkapazität regelmäßig nutzt, kann durch Umlagern auf Cloud-Dienste mehr sparen als ein Betrieb, bei dem die IT ständig auf Volllast läuft. Per se kann aber jedes Start-up von Cloud Computing-Diensten profitieren, und die Vorteile gehen über reine Kostenersparnis hinaus. Nutzen sie Online-Dienste etwa für ihren E-Mail-Verkehr? Wenn ja – welche Alternativen können sie sich vorstellen? Hinzu kommt, dass Cloud-Lösungen mobile Systeme unterstützen, zahlreiche Dienste stehen per Smartphone zur Verfügung. Auch die Attraktivität des Betriebs für jüngere Arbeitnehmer spielt eine Rolle: Die Chemie- und Pharma-Branche muss sich aktuellen demografischen Problemen stellen, wie eine IDC-Studie zeigt. Wer moderne Arbeitsplätze mit moderner Infrastruktur anbietet, spricht eine neue Generation von Arbeitskräften an.

IT&Production: Eines der größten Bedenken beim Einsatz von Online-Systemen ist die Datensicherheit. Wie hoch ist das Risiko von Datendiebstahl und Sabotage?

Foltz: Ein gut verschlüsseltes Cloud-System bietet dem Anwender hohe Datensicherheit – die zentrale Ablage von Daten ist ein Sicherheitsfaktor, kein Unsicherheitsfaktor. Jedes Unternehmen, das Kundendaten ausgedruckt vorhält, riskiert sofortigen Zugriff auf die Informationen, beispielweise bei Diebstahl durch einen Konkurrenten. Bei der Datenablage auf PC oder Notebook sieht das nicht besser aus: Wer die Festplatte in die Hände bekommt, kann auf die gespeicherten Daten zugreifen. In eine gesicherte Cloud-Umgebung einzudringen, ist um ein Vielfaches schwerer. Auch das Risiko von Datendiebstahl durch Schadsoftware sinkt. Natürlich bleibt immer ein Restrisiko – das liegt aber zumeist in der Anwender-Disziplin, etwa wenn ein Mitarbeiter seine Zugangsdaten in ein Phishing-Formular eingibt.

IT&Production: Gleichzeitig stellt sich die Frage nach der Betriebssicherheit von Cloud-Systemen. Die jüngsten Entwicklungen in Nordafrika zeigen, dass sich der Internet-Zugang ganzer Länder sperren lässt …

Foltz: Diese Bedenken sind berechtigt. Vom derzeitigen Stand der Technik her sollten nur Anwendungen in die Cloud gelangen, die nicht sicherheitskritisch sind. Darunter fallen etwa Data Cubes für die Business Intelligence, Customer-Relationship-Lösungen, Bestellsysteme oder Büroanwendungen. Kundenkontakt lässt sich notfalls per Telefon abwickeln, der Ausfall einer Produktion hingegen darf in keinem Fall riskiert werden. ERP, CRM, Dokumentablagen – das sind Beisiele für Anwendungen, die wir in der Cloud sehen. Produktionsnahe Systeme wie MES müssen aus Sicherheitsgründen als geschlossene Anwendung laufen und werden ihren Weg vorerst nicht im großen Stil in die Could finden. Das Gleiche gilt für kritische Entwicklungsanwendungen. Auf der anderen Seite bietet sich Gelegenheit zur Virtualisierung von Anwendungen, die nicht angemessen in der Cloud betrieben werden können: Warum nicht die kritische Anwendung vor Ort laufen lassen, die Rechenarbeit aber über die Cloud abwickeln? So steht im Fall eines Netzausfalls die Anwendung lokal zur Verfügung. Und sobald das Internet wieder ‚läuft‘, schaltet sich der Online-Rechenturbo ein.

IT&Production: Welche Cloud-Dienste bietet Ihr Unternehmen für Fertiger an – und wie kompliziert ist es für Cloud-Kunden, bei Bedarf den Anbieter zu wechseln?

Foltz: Unsere Sharepoint- und Office-Produkte sowie Dynamics ERP und CRM können auch als Online-Service genutzt werden. Im Fertigungsbereich sehen wir uns eher als Dienstleister denn als Software-Anbieter, denn die Lösungen kommen von unseren Partnern. Ein Kollege von mir hat es auf die Formel gebracht: „Wir liefern die Rohrleitungen, das Wasser kommt von außen“. Der Aufwand eines Anbieterwechsels hängt dabei von der Datenstruktur ab, die Migration von einem Cloud-System auf ein anderes stellt in jedem Fall keine höheren Ansprüche als eine Installation vor Ort. Wir sehen unsere Rolle darin, Know-how und Rechenleistung in die Cloud zu bewegen und standort- und länderübergreifend zur Verfügung zu stellen. Denn alle Rechenprobleme, die sich einfach lösen lassen, sind gelöst. Für die wirklich großen Herausforderungen unserer Zeit benötigen wir Verfahren, die nur große Rechenzentren zur Verfügung stellen können – denken sie an die komlexen Simulation, die zur Entwicklung von Wirkstoffen gegen Alzheimer benötigt werden. Cloud Computing verändert aber auch den Umgang mit klassischen Programmen: Erst kürzlich erreichte uns eine Kundenanforderung zur Modifikation der Pivot-Funktionalität von Excel mit der Zielsetzung, bis zu zwei Millionen Code-Zeilen verarbeiten zu können, ohne dabei die Leistungsfähigkeit des Clients vor Ort zu beeinträchtigen.


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