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Mobile Datenerfassung im Lager

Lagerwert und Prozesse in der Logistik optimieren

Mobile Datenerfassung kann einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Abläufe in Lager und Produktion leisten. Dazu müssen sich Betriebe aber auch auf Veränderungen in althergebrachten Abläufen einlassen. Dabei kann sich der Einsatz einer in die Geschäftslösung integrierten Logistiksoftware auszahlen.

Die Lagermitarbeiter der Kappelner Werkstätten sehen dank des Einsatzes einer in die Geschäftslösung integrierten Lagerlogistik in Echtzeit, wo sich welche Ware wann befindet. Bild: St. Nicolaiheim Sundsacker e.V.

Quietschende Gabelstapler, dunkle Gänge, ein muffiger Geruch in der Luft und irgendwo dudelt ein Radio – so sieht eine gängige Vorstellung von Lagerräumen aus. Doch in vielen Betrieben sind nicht die Lager, sondern die Ansichten zu Lageraufbau und internem Logistikprozess verstaubt. Das moderne Lager verfügt über meterhohe, platzsparende Paternoster bestückt mit Kleinteilen. Gabelstapler arbeiten mit Tablet-PCs, die direkt mit der Logistik-Software verbunden sind um effektiv durch eine saubere und wohl organisierte Halle zu fahren. Nur das Radio läuft womöglich noch im Hintergrund. Die Triebfeder hinter dieser Gestaltung: Insbesondere in Industrieunternehmen bildet die Just-in-time-Fertigung das Herzstück der Geschäftsabläufe. Um konkurrenzfähig zu bleiben und individuellen Kundenbedürfnissen gerecht zu werden, setzt die fertigende Industrie verstärkt auf moderne Lagerflächen und Logistiksoftware mit Schnittstelle zum Enterprise Resource Planning-System (ERP). Für eine schlanke IT-Infrastruktur empfiehlt sich jedoch eine ERP-Branchenlösung mit integriertem Logistikmodul.

Den Lagerwert ausbalancieren

Die Bestückung des Lagers ist ein Balanceakt, der über Produktivität und Profitabilität eines Unternehmens entscheidet. Hohe Lagerbestände sind gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten schädlich. Mangelnde Liquidität und eine hohe unproduktive Kapitalbindung sind die Folgen. Lange Lagerzeiten sind etwa im medizintechnischen Bereich oder der kunststoffverarbeitenden Industrie aufgrund strenger Regularien unhaltbar. Ein leeres Lager kann wiederum in konjunkturell starken Perioden ebenfalls Einbußen für das Unternehmen verursachen. So können fehlende Rohstoffe oder Bauteile zu Engpässen in der Produktion oder gar zu Produktionsausfällen führen – und somit zu Lieferschwierigkeiten und Erlösverlust. Ein Produktionsbetrieb, der ja auf Lagerhaltung angewiesen ist, muss den optimalen Umfang eines Lagers und seinen Auslastungsgrad bestimmen. Die Beschaffenheit und die Verwaltung eines Lagers müssen sich flexibel an wirtschaftliche Rahmenbedingungen und Marktanforderungen anpassen. Nur so lassen sich Ressourcen effizient nutzen und das Lager als wichtiger Teil in die Wertschöpfungskette einbinden.

IT bildet die gesamte Logistikkette ab

Dabei kann die Integration der Logistiklösung in die Unternehmenssoftware durch schlanke IT-Prozesse auch der internen Logistik zugutekommen. Ein eingebundenes Modul eines ERP-Systems unterstützt den gesamten Warenfluss vom Wareneingang über die Lagerhaltung, die Produktion bis hin zur Auslieferung. Dabei empfiehlt sich der Einsatz mobiler Endgeräte wie Barcodescanner, um Produkte oder ganze Paletten zu identifizieren und so im ERP-System zu erfassen. Dies schafft ein Abbild der Realität im Lager:

1. Wareneingang & Lagerhaltung

Im Wareneingangsprozess entstehen dazu eindeutige Etiketten, deren Barcode auf Inhalt, Menge, Chargen- oder Seriennummer und aktuellen Lagerplatz referenziert. Anschließend lässt sich die Ware mit einem Scan identifizieren und für Folgeprozesse freigeben. Nach Vereinnahmung der Ware ist der Bestand im Lager verfügbar. Jede Bewegung und Korrekturbuchung während der internen Lagerhaltung erscheint so in Echtzeit im ERP-System. Das sorgt für hohe Transparenz in der Logistikkette und genaue Bestände.

2. Produktion

In der Produktion werden Materialien verbraucht, um anschließend neue Zugänge von Baugruppen oder fertigen Produkten im Lager anzulegen. Zu Beginn des Produktionsauftrags können Scannermasken den Mitarbeiter bei der Kommissionierung von Produktionsmaterial unterstützen. Direkte Materialverbräuche oder Umlagerungen in einen Produktionsbereich werden bei Rückmeldung am Scanner durchgeführt. Bei Abschluss des Produktionsauftrags entstehen mit der Zugangsbuchung der neu entstandenen Ware erneut Etiketten.

3. Kommissionierung

Bei der Auftragszusammenstellung erhält der Kommissionierer eine wegeoptimierte Vorgabe am Scanner, um bei der Warenentnahme Zeit und Laufwege zwischen zwei Picks zu sparen. Bestätigte Entnahmen werden sofort in den Versandbereich umgelagert, um die Transparenz im Lager beizubehalten. Das Beenden des Kommissioniervorgangs leitet über zum automatischen Erstellen der Lieferpapiere sowie dem Abbuchen der Ware aus dem Versandbereich. Ein integriertes Logistikmodul unterstützt so Prozesssicherheit und niedrige Fehlerquoten im Produktionsbetrieb.

4. Inventur

Auch die Inventur kann durch den Einsatz mobiler Endgeräte im Schnelldurchlauf erfolgen. Da Erfassen und Übertragen per Hand entfallen, spart sich das Personal die lange Suche nach Zahlendrehern und Fehlern. Die mobilen Endgeräte vereinfachen zudem die Zählung, da die Barcode-Etiketten an der Ware und dem Lagerort eindeutig angeben, was wo gezählt wird. Die sofortige Verfügbarkeit der erfassten Daten erfordert keine manuelle Übertragung von Zähllisten in das System. Die Überwachung der Inventurzählung durch die ERP-Lösung macht es einfach, Ausreißer sofort zu erkennen. Eventuell notwendige Nachzählungen können umgehend angewiesen werden.

 

Checkliste: Was ist vor der Implementierung zu beachten?

  • Informationen zu Geschwindigkeit, Qualität und Kosten von Prozessen ermitteln
  • Mitarbeiter entlang der Logistikkette in die Ablaufoptimierung einbeziehen
  • Zusammenspiel der Logistiklösung mit anderen Programmen berücksichtigen
  • Einkauf von Hardware wie Handscanner oder Etikettendrucker planen.
  • Möglichen Veränderungsbedarf für die Lagerorganisation mit betrachten


Handscanner identifizieren kleine Chargen bis hin zu ganzen Paletten mit einem Scan. Bild: Sage

Mehr Übersicht im Lager

Die Vorteile und die Notwendigkeit des Einsatzes von mobiler Lagerlogistik hat auch die gemeinnützige Einrichtung St. Nicolaiheim Sundsacker e.V. erkannt und kürzlich das Warenwirtschafssystem Sage ERP B7 mit dem Modul ‚Mobile Lagerlogistik‘ eingeführt. Damit wird eine Eigenentwicklung in diesem Bereich abgelöst, die per Schnittstelle an das ehemalige ERP-System angebunden war. Der Verein fördert im Sinne der diakonischen Arbeit die Jugend- und Behindertenhilfe in seinen Werkstätten in Kappeln, Schleswig-Holstein. „Der Lager- und Logistikbereich gehört zu den wichtigsten Bestandteilen bei uns in den Kappelner Werkstätten. Von dort aus wird der gesamte Warenfluss der Werkstatt organisiert und gesteuert“, erklärt Henning Herges, Projektleiter für die Einführung der Lösung beim Verein und fährt fort: „Mit Hilfe der Funklogistik und des ERP-Systems haben wir stets einen genauen Überblick über die unterschiedlichsten Waren in unserem Lager sowie sämtliche Ein- und Ausgänge.“ Zurzeit beschäftigen die Werkstätten mehr als 400 Mitarbeiter und sind damit der größte Arbeitgeber im Raum Kappeln. Neben der Kabelkonfektionierung für die Elektrobranche produzieren die Werkstätten Holz-, Metall- sowie Textilprodukte und bieten unterschiedliche Dienstleistungen im Bereich der Baugruppenmontage an. Durch die manuelle Fertigung können die Werkstätten auch kleine Stückmengen herstellen, bei denen sich der Einsatz von Maschinen nicht lohnt. „Die Produktvielfalt, unterschiedlichste Stückzahlen, kleine bis mittlere Chargen sowie die darauf abgestimmte notwendige Menge an Rohstoffen oder Bauteilen, machen eine automatisierte und software-gestützte Lagerlogistik und Disposition notwendig. So wissen wir immer in Echtzeit, wo sich welche Ware befindet und haben stets die richtige Ware am richtigen Ort“, erläutert Herges. Zudem erleichterten die mobilen Handscanner die tägliche Arbeit der Lagermitarbeiter.

Implementierung

Bevor sich ein Produktionsbetrieb für die Einführung von Logistik-Software oder integrierten ERP-Lösungen entscheidet, sollte das Unternehmen ermitteln, wie die Lieferkette bisher verlief, welche Kosten dafür entstehen und wie qualitativ hochwertig der Prozess aktuell aussieht. Um die Zustimmung der Belegschaft zu erhöhen, sollten die beteiligten Mitarbeiter ins Boot geholt werden. Sie kennen die Prozessabläufe und deren Optimierungsmöglichkeiten am besten. Auch das Zusammenspiel mit weiteren Softwareprogrammen muss vor der Systemeinführung berücksichtigt werden. Schlussendlich gehört zur Einführung der Lösung der richtige Einsatz entsprechender Hardware, wie etwa mobile Handscanner, die mit der Software kommunizieren. Was häufig unterschätzt wird, ist die dazu notwendige Organisation. Mobile Lagerlogistik geht immer einher mit der Lagerorganisation. Der Kauf mobiler Scanner allein ist noch kein Garant für den gewünschten Optimierungserfolg.


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