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Ein unabwägbares Risiko

Plattform ohne technischen Support

Nach der Abkündigung der HP-3000 durch den Hersteller benötigte der Fertiger Gould Electronics eine neue Plattform für die in Cobol geschriebene unternehmenskritische Betriebsdatenerfassung. Das Erstaunliche: Die Ablaufslogik der vorhandenen Software konnte komplett auf die neue HP-UX-Umgebung übernommen werden.

Mitunter sind beim technischen Fortschritt harte Schnitte unvermeidlich. Das mag zwar im Sinne des Fortschritts sein, kann aber für die Betroffenen richtig unangenehm werden - beispielsweise für Unternehmen, die eine Plattform betreiben, für die der Hersteller das Ende des Supports angekündigt hat. Die Anschaffung neuer, modernerer Geräte ist dabei noch das geringste Problem, denn in der Regel werden auf den vom Fortschritt ausgebremsten Maschinen Software-Applikationen eingesetzt, die auf die jeweilige Plattform zugeschnitten sind. Und diese Software selbst ist ja keineswegs überholt, nur weil ihre Hardware-Basis technisch in die Jahre gekommen ist. Eine solche Anwendung setzt Gould Electronics schon seit Ende der 70er-Jahre für die Erfassung und Verarbeitung von Betriebsdaten ein. Wenn der Systemanbieter der Lösung die Basis entzieht Das Unternehmen mit Sitz in Eichstetten am Kaiserstuhl ist ein weltweit führender Hersteller von Kupferfolien in unterschiedlichen Stärken für gedruckte Schaltungen auf Leiterplatten. Die Produktion dieses Basismaterials der digitalen Welt läuft im Fünf-Schichten-Betrieb rund um die Uhr; die kontinuierliche Erfassung der in Waagen oder anderen Messeinrichtungen anfallenden Daten ist die Voraussetzung, um die Prozesse auch kaufmännisch richtig abzubilden, z.B. für Lieferscheine und Rechnungen - und das ohne zusätzlichen Erfassungsaufwand. "Unsere Herstellungsverfahren sind eine sehr spezielle Mischung aus chemischen und physikalischen Prozessen", erklärt Theo Danzeisen, IT-Leiter bei Gould Electronics. "Die klassischen Stücklisten werden bei uns nicht verwendet, so dass wir in keine der angebotenen Standard-Anwendungen passen." Gould Electronics hat von Anfang an schon auf eine selbst entwickelte Lösung gesetzt. Da als Hardware-Plattform HP-3000 eingesetzt wurde, hat man die Software mit HP-Cobol und dem HP-eigenen Datenbanksystem TurboImage entwickelt, die darauf aufbauenden Marketing-Lösungen ab den 90er-Jahren mit Uniface von Compuware. So sehr sich dieses Konzept in der Praxis bewährt hatte, mit der Ankündigung seitens HP die Plattform HP-3000 nach 2008 nicht mehr zu unterstützen und auch nicht mehr weiterzuentwickeln, wurde dieser Lösung die Basis entzogen. Eine grundlegende Neuorientierung war also notwendig, denn eine Plattform ohne technischen Support stellt für jedes Unternehmen ein unabwägbares Risiko dar.

Kostenargumente: Neu entwickeln oder Migration?

Die Neuentwicklung der Anwendung für eine aktuelle Plattform wäre in dieser Situation zwar eine "saubere" Lösung, sofern nicht gleichzeitig eine umfangreiche Aufwertung durch neue Funktionalitäten vorgenommen wird, sie scheidet in den meisten Fällen aus Kostengründen aus. Vorhandene Applikationen sind nun mal ausgereift und ausgetestet, und es würde lang dauern, bis die neuen diesen Zustand wieder erreichen. Ganz abgesehen davon, dass eine Neuentwicklung, die bloß wegen eines Plattformwechsels stattfände, die Weiterentwicklung der Anwendungen massiv behindern würde. Vor diesem Hintergrund hat sich Gould Electronics entschlossen, die Investitionen in die eigene Software zu sichern und die vorhandenen Applikationen von HP-3000 komplett zu HP-Unix und Oracle zu migrieren. Dieser Weg ist zwar schneller und einfacher als eine Neuentwicklung, aber doch auch nicht trivial, weil die Unterschiedlichkeit der Systeme einige Anpassungen erforderlich macht, wobei Gould Electronics von der B&B Unternehmensberatung in Bad Dürkheim, einem Spezialisten für die HP-3000-Migration unterstützt wurde. Eine wichtige Voraussetzung für eine effiziente Migration war die Verfügbarkeit eines Cobol-Compilers, der sowohl die alte als auch die neue Plattform unterstützt. Nur so konnte sichergestellt werden, dass die Applikationen aus dem laufenden Betrieb und auf dem neuesten Stand zur neuen Plattform wechseln konnte. Mit dem sowohl für HP-3000 als auch für HP-UX verfügbaren Cobol-Compiler von Acucorp, konnte die Migration damit in zwei Schritten vorgenommen werden: erst wurden die Applikationen auf HP-3000 von HP-Cobol auf Acucobol-GT umgestellt, wofür aufgrund der Kompatibilität innerhalb der Programmlogik lediglich geringfügige Anpassungen erforderlich waren. Anschließend wurden die Applikationen auf die Unix-Umgebung portiert und hier ohne weitere Programmierung ebenfalls mit dem Acucorp-Compiler plattformgerecht übersetzt. Während der gesamten Übergangsphase konnten die Anwendungen live bleiben, die hohe Verfügbarkeit der Lösung blieb so sichergestellt. "Eine wichtige Voraussetzung für dieses Vorgehen war, dass wir mit dem Tool ti2SQL von Ordat die vorhandenen Datenbankaufrufe für TurboImage auch mit der neuen Oracle-Datenbank nutzen können", erläutert Danzeisen. "Hätten wir diese Aufrufe neu programmieren müssen, so wäre der Portierungsaufwand erheblich höher gewesen." Das Tool übersetzt nun zur Laufzeit die Datenbankaufrufe in SQL für die Oracle-Datenbank, legt also eine Call-Schicht zwischen Applikation und Datenbank.

Ablauflogiken - Was Anwendungen wertvoll macht

Insgesamt hat Gould Electronics auf diese Weise im Lauf von knapp zwei Jahren sukzessive rund 400 Einzelprogramme umgestellt. Der tägliche Betrieb aber auch die laufende Programmpflege und -weiterentwicklung mussten nicht unterbrochen werden. "Umfangreichere Entwicklungsarbeiten fielen im Rahmen des Migrationsprojekts lediglich für die Anpassung des Benutzerinterfaces an, weil wir die Gelegenheit genutzt haben, das GUI mit den Acucorp-Tools zu modernisieren", führt Danzeisen aus. Alle Applikationen sind Dialoganwendungen, reine Batch-Programme spielen bei der Betriebsdatenerfassung keine Rolle. "Wichtigster Aspekt bei dieser Migration war für uns, dass wir die komplette Ablauflogik, also das, was die Anwendungen eigentlich wertvoll macht, auf die neue Plattform mitnehmen konnten", resümiert Danzeisen. "Der Einsatz der Tools und des Compilers hat sich allein dadurch bezahlt gemacht, als das die einzige Möglichkeit war, den HP-Code voll zu übernehmen und damit den Test der neuen Umgebung noch auf der alten Plattform vorzunehmen." Dass Acucorp mittlerweile von Micro Focus übernommen wurde, stellt für Danzeisen kein Problem dar, weil die Produkte von Micro Focus fortgeführt werden und auch der Support der Tools sicher gestellt ist. So konnte Gould Electronics durch eine erfolgreiche Migration der Betriebsdatenerfassung eine unternehmenskritische Individual-Lösung trotz Plattformwechsel behalten und sich entsprechende Wettbewerbsvorteile auch für die Zukunft sichern.

Autor Dr. Rainer Doh ist Redakteur in München.
Internet: www.microfocus.com/de   


IT&PRODUCTION, 12-2008


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