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Produktions-IT für 30 Mercedes-Werke

Vernetzte Microservice-Plattform MO360

Produktions-IT für 30 Mercedes-Werke

Der Autohersteller Mercedes hat das digitale Ökosystem MO360 vorgestellt. Das Produktions-Ökosystem bündelt selbst entwickelte und vernetzte Shopfloor-Anwendungen auf einer Plattform, an der sich die Werke des Herstellers weltweit bedienen können. Die so vernetzte Factory 56 in Sindelfingen soll ab September ihren Betrieb aufnehmen.

Digitales Mercedes-Benz Produktions-Ökosystem MO360: Qualitätsprüfung in der Linie (Bild: Daimler AG) [1]

Digitales Mercedes-Benz Produktions-Ökosystem MO360: Qualitätsprüfung in der Linie (Bild: Daimler AG)

MO360 steht für ‚Mercedes-Benz Cars Operations 360‘ und integriert die Informationen aus unterschiedlichen Produktionsprozessen und IT-Systemen der mehr als 30 Mercedes-Benz Pkw-Werke weltweit und vereint wichtige Softwareapplikationen. Es soll beispielsweise die auf Kennzahlen basierende Produktionssteuerung optimierung und den Mitarbeitern individuelle Informationen und Arbeitsanweisungen darstellen. Voraussetzung für die Transparenz aller Fertigungsprozesse und das Anlagen-Monitoring sowie den Zugriff in Echtzeit ist, dass alle Elemente im System die gleiche Sprache sprechen. Diese Aufgabe übernimmt die Steuerungssoftware Integra von der Maschinensensorik bis hin zu den Lieferanten und Systempartnern. Cloud-Lösungen sorgen für skalierbare Big-Data-Verarbeitung. Jörg Burzer, Mitglied des Vorstandes der Mercedes-Benz AG, verantwortlich für Produktion und Supply Chain Management, verspricht sich von der Plattform: „Durch die verbesserten Abläufe, flächendeckende Datenverfügbarkeit und schnelle Entscheidungen auf Basis von Echtzeitdaten werden wir bis 2022 die Effizienz in der Produktion um mehr als 15 Prozent steigern.“ Entwickelt wurde das System mit agiler Methodik von Teams aus Produktions- und IT-Experten, schildert Jan Brecht, Chief Information Officer (CIO) von Daimler und Mercedes-Benz: „Alle Teams setzen das permanente Feedback aus der Produktion konsequent zur Optimierung und Weiterentwicklung der digitalen Werkzeuge ein. Sie verbessern kontinuierlich die Software in kurzzyklischen Sprints.“

5G-Campusnetz installiert

Weite Teile von MO360 sind in den mehr als 30 Werken auf der ganzen Welt bereits im Einsatz. Die vernetzten Werke liefern Daten, auf die die Applikationen von MO360 zugreifen. Die Fabrik soll als eine der modernsten Automobilproduktionen der Welt konsequent Technologien und Professe im Sinn einer Industrie 4.0 einsetzen. In einem Teil des Werkes wird ein 5G-Funknetz betrieben, um Prozesse, Maschinen, Anlagen und Geräte miteinander zu vernetzen. Zu MO360 gehört auch eine zentimetergenaue Echtzeit-Ortung aller Fahrzeuge in der Halle.

Regelkreis für Qualität

Das Qualitätsmanagementsystem Quality Live ist ebenfalls Teil des Ökosystems MO360. Mitarbeiter können sich damit auf Knopfdruck den Live-Zustand jedes Fahrzeugs anschauen. Das System informiert die Qualitätsbeauftragten und die Werker auch von sich aus per Smartphone oder Handheld über den aktuellen Qualitätsstatus in ihrem Bereich. Zudem verfügt Quality Live über KI-Funktionen. Diese können Vorschläge unterbreiten, wie sich die Nacharbeit effizient organisieren ließe. Das Ziel ist es, die Qualitätsregelkreise so zu gestalten, dass die Fahrzeuge ohne Nacharbeiten vom Band laufen. Das hinterlegte Wissen steht allen Werken des weltweiten Produktionsnetzwerks zur Verfügung.

Vernetzte Microservice-Plattform MO360

Produktions-IT für 30 Mercedes-Werke

Digitales Mercedes-Benz Produktions-Ökosystem MO360: Das Tool Shopfloormanagement zeigt produktions- und steuerungsrelevante Kennzahlen an. (Bild: Daimler AG) [2]

Digitales Mercedes-Benz Produktions-Ökosystem MO360: Das Tool Shopfloormanagement zeigt produktions- und steuerungsrelevante Kennzahlen an. (Bild: Daimler AG)

Integrierte Echtzeit-Daten

Die Applikationen des Ökosystems sind nach Angaben des Autobauers in Hinblick auf die Prozesse und Daten komplett integriert. So laufen etwa Produktionsdaten automatisch in das digitale Shopfloormanagement (SFMdigital). Dazu berechnet das System produktions- und steuerungsrelevante Kennzahlen. Zu den KPIs zählen neben dem Personaleinsatz die Geradeauslaufquote, die alle Fahrzeuge ohne Nacharbeit erfasst, die Produktionsziele pro Schicht oder der Umlaufbestand. Dieser zeigt an, wie viele Fahrzeuge sich im Soll-Ist-Vergleich in einem Bereich befinden, beispielsweise im Inneneinbau. In täglichen Shopfloor-Runden unterstützt SFMdigital die strukturierte Anwendung von Qualitätsprozessen und dient gleichzeitig als Kommunikationswerkzeug zum Beispiel für den Problemlöseprozess.

DevOps-Ansatz verfolgt

Mercedes-Benz hat für die Entwicklung der Plattform IT- und Produktions-Spezialisten in Teams zusammengebracht, die nach dem DevOps-Prinzip arbeiten. Bei dieser Organisationsform für Softwareentwicklung übernehmen integrierte Teams die Verantwortung sowohl für die Entwicklung (Development) als auch für den späteren Betrieb (Operations) der Softwarekomponenten. Technologisch setzt MO360 auf wiederverwendbare Schnittstellen, skalierbare Cloud-Lösungen und vor allem auf Free and Open Source Software (FOSS). Damit können die MO360-Teams die Vorteile der weltweiten Entwickler-Community nutzen.

Modulare Architektur

Die MO360-Anwendungen sind in Microservice-Architektur erstellt. Darunter ist ein modularer Aufbau des Gesamtsystems auf Basis unabhängiger Komponenten zu verstehen, die über Schnittstellen kommunizieren. Diese Architektur ermöglicht es, weitere Anwendungen vergleichsweise einfach zu integrieren, ohne die Komplexität des Gesamtsystem wesentlich zu vergrößern.

Nächster Schritt: Test-Fabrik

Jetzt ist geplant, eine komplette Fabrik mit MO360 zu vernetzen und als Test-Fabrik zu nutzen. Zudem könnten Teile der Plattform Partnern bereit gestellt werden. „Unser Know-how ist sehr gefragt – diese Resonanz erhielten wir in ersten informellen Gesprächen aus ganz unterschiedlichen Handlungsfeldern und Branchen“, sagt Jörg Burzer. Jan Brecht ergänzt: „Auch hier denken wir klar in die Richtung von Open Source. Im dritten Quartal 2020 werden wir unser MO360 Frontend Toolkit auf Github.com veröffentlichen. Wir sind schon gespannt auf Rückmeldungen und vor allem auf ergänzende Innovationsimpulse von der weltweiten Community.“

Ein Video zur Erklärung von MO360 kann man sich hier [3] ansehen.