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Langfristige Auswirkungen der Covid19-Pandemie

Produzieren nach der Pandemie

Langfristige Auswirkungen der Covid19-Pandemie

Diskussionen um die ökonomischen Folgen der Coronakrise gehen selten über das nächste Maßnahmenpaket hinaus. Dabei werden die Folgen der Krise die Industrie langfristig beschäftigen. Wie es genau weitergeht, ist aufgrund fehlender Präzedenzfälle weitgehend unklar. Doch einige Tendenzen zeichnen sich schon jetzt deutlich ab.

 (Bild: ©monsitj/stock.adobe.com) [1]

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Das Bruttoinlandsprodukt dürfte im Jahr 2020 in Deutschland um rund 5,5 Prozent niedriger ausfallen als im Vorjahr. Aktuell vorliegende Konjunkturprognosen gehen zwar von einer allmählichen Erholung aus, so dass das Vorkrisenniveau des Bruttoinlandsprodukts gegen Ende des Jahres 2021 wieder erreicht werden wird. Dies basiert aber auf der Annahme, dass ein zweiter flächendeckender Lockdown des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens vermieden werden kann, was sich inzwischen als unzutreffend herausgestellt hat. Selbst dann muss man aber davon ausgehen, dass die Krisenfolgen auch langfristig noch spürbar sein werden. Es ist erstaunlich, dass die langfristigen Krisenfolgen in Politik, Öffentlichkeit und auch in der Wissenschaft bislang kaum thematisiert werden. Denn es lassen sich durchaus schon jetzt einige grundlegenden Tendenzen ableiten, die für die künftige Entwicklung mit hoher Wahrscheinlichkeit bedeutsam sein werden.

Das Produktionspotenzial

Das Produktionspotenzial gibt als statistische Kenngröße an, wie sich die angebotsseitigen Produktionsmöglichkeiten einer Volkswirtschaft entwickeln. Es hängt insoweit außer von der verwendeten Produktionstechnologie vor allem von der Ausstattung mit Produktionsfaktoren (Arbeit, Kapital und technologisches Wissen) ab. Zu vermuten ist, dass die aktuelle Corona-Pandemie alle drei Faktoren zumindest temporär negativ beeinflussen wird.

Produktionsfaktor Arbeit

Etliche Arbeitskräfte werden in der Pandemie ihren Arbeitsplatz verlieren, weil Unternehmen bei schwach ausgelasteten Kapazitäten Beschäftigte entlasten und auch, weil einige Unternehmen die Krise nicht überleben werden. Nach der Gemeinschaftsdiagnose vom Herbst 2020 dürften wegen der Corona-Pandemie rund 800.000 Arbeitsplätze weggefallen sein. Es ist nicht auszuschließen, dass ein Teil davon aufgrund veränderter Qualifikationsanforderungen seitens der Arbeitgeber oder aufgrund einer Veränderung der Wirtschaftsstrukturen nicht wieder in Beschäftigung zurückfinden wird, so dass sich das effektiv nutzbare Arbeitskräftepotenzial quantitativ, zumindest aber qualitativ verringert.

Produktionsfaktor Sachkapital

Mit Blick auf die Kapitalausstattung der Wirtschaft macht insbesondere die zu erwartende Investitionszurückhaltung der Unternehmen Sorgen. Konjunkturprognosen zufolge werden die realen Ausrüstungsinvestitionen, die sich schon im Jahr 2019 äußerst schwach entwickelt haben, noch bis zum Jahr 2022 auf niedrigem Niveau verharren. Auf der einen Seite vermindern die pandemiebedingten Umsatz- und Gewinnausfälle die Möglichkeiten der Unternehmen, Investitionen in den Sachkapitalstock zu finanzieren – auch weil die Bereitschaft der Banken zur Kreditgewährung mit von der Eigenkapitalausstattung der Kreditnehmer abhängig ist. Und auf der anderen Seite sinkt auch der Investitionsbedarf bei weiterhin unterausgelasteten Kapazitäten. Schließlich dämpft auch die Unsicherheit über die Erholung die Investitionsbereitschaft der Unternehmen. Wenn aber weniger investiert wird, dämpft dies nicht nur die Modernisierung des Produktionsapparats und damit die Produktivitätsentwicklung, sondern kann auch die Schaffung neuer Arbeitsplätze verringern.

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Technologisches Wissen

Das Wachstum des Produktionspotenzials wird erheblich durch den technischen Fortschritt vorangetrieben. Auch hier ist von einer Dämpfung auszugehen, denn viele Unternehmen sehen sich aktuell zu Kosteneinsparungen gezwungen – was möglicherweise auch die Forschungsbudgets einschließt. Längerfristig könnte es überdies bei der öffentlich finanzierten Forschung zu Einschränkungen kommen, wenn Bund und Länder aufgrund der fiskalischen Belastungen durch die Coronakrise auch bei Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Forschungsförderprogrammen sparen sollten. Dem steht allerdings entgegen, dass auch die zur Abfederung der Krise beschlossenen Konjunkturprogramme zum Teil auf die Unterstützung von Forschung und Entwicklung gerichtet sind. Beschleunigend auf die Entwicklung des Produktionspotenzials könnte sich zudem auswirken, dass die Coronakrise die Digitalisierung der deutschen Wirtschaft vorangetrieben haben dürfte. Dies kann sich positiv auf die Produktivität des Faktoreinsatzes auswirken, so wenn überflüssige Dienstreisen durch virtuelle Meetings ersetzt werden oder neue technische Ausstattungen zum Einsatz kommen. Unklar ist allerdings, inwieweit auch eine verstärkte Nutzung von Homeoffice-Lösungen produktivitätssteigernd wirkt. Zum derzeitigen Zeitpunkt lassen sich die verschiedenen Einflussfaktoren auf die Höhe und die Entwicklung des Produktionspotenzials nicht präzise quantifizieren. Dessen ungeachtet beträgt schon aktuell (Schätzung für den Zeitraum 2019-2025) das Potenzialwachstum lediglich rund 0,9 Prozent pro Jahr, rund einen halben Prozentpunkt weniger als im Zeitraum 1996-2019. Grund für das langsamere Wachstum der Produktionsmöglichkeiten ist dabei vor allem der weithin ausgereizte Spielraum für eine Steigerung der Erwerbsbeteiligung sowie ein geringeres Wachstum des Kapitalstocks. Zu befürchten ist, dass das Potenzialwachstum nach der Corona-Pandemie noch geringer ausfällt als bislang schon erwartet.

Langfristig geschwächt

Die Folgen der Coronakrise treffen vor allem Wirtschaftszweige, die stark vom Lockdown betroffen waren. Das Beherbergungsgewerbe, die Gastronomie, das Veranstaltungswesen sowie einige andere Dienstleistungszweige hatten demnach die höchsten Geschäftseinbußen zu verzeichnen. Eher unerwartet ist auf den ersten Blick, dass viele Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes angeben, weiterhin stark negativ durch die Pandemie betroffen zu sein. Zwar befand sich die Industrie schon vor dem Corona-Ausbruch in einer rezessiven Phase, so dass nicht alle Beeinträchtigungen hier auf die Coronakrise zurückzuführen sein dürften. Dennoch leiden viele Industrieunternehmen offenkundig bis heute darunter, dass im Zuge der Grenzschließungen und der Beeinträchtigungen im Luftverkehr Lieferketten gestört waren, was auf der Beschaffungs- und Absatzseite zu Schwierigkeiten führte. Hinzu kommen nachfrageseitige Probleme, da aufgrund der gedämpften Nachfrage im Inland wie im Ausland der Absatz eher schwach ist. Hiervon ist neben der Automobilindustrie vor allem der Maschinenbau betroffen, da die Investitionsgüternachfrage im Zuge der Pandemie stark eingebrochen ist und sich trotz der aktuellen Erholung auch in den kommenden Jahren nur schwach entwickeln dürfte. Einige Branchen spüren allerdings gar keine direkten Folgewirkungen der Coronakrise, einige wenige, wie die Pharmazeutische Industrie, profitierten sogar von höherer Nachfrage. Im Großen und Ganzen stellt die Pandemie jedoch einen exogenen Schock dar, der nahezu überall mit starken Geschäftseinbußen verbunden war. Über alle Branchen hinweg wird die Wirtschaftslage von den Unternehmen weiterhin deutlich ungünstiger eingeschätzt als unmittelbar vor der Krise. Es ist absehbar, dass nicht alle Betriebe eine lange Durststrecke überstehen werden. Ob es tatsächlich zu einer Pleitewelle kommt oder lediglich zu stillen Unternehmensschließungen, ist noch nicht ausgemacht. Viel spricht aber dafür, dass gerade Unternehmen mit einer dünnen Kapitaldecke, einem veralteten Geschäftsmodell und allgemein jene, die in Märkten mit einer hohen Wettbewerbsintensität tätig sind, die Krise nicht überleben werden.

Regionale Ungleichheiten

Hinzu kommt, dass Hilfen des Staates oftmals nur in Form von Krediten gewährt werden – manch ein Unternehmensinhaber mag das Risiko scheuen, für längere Zeit mit Zins- und Tilgungszahlungen belastet zu sein, vor allem dann, wenn er oder sie bereits kurz vor der Rente steht und eine Nachfolge noch ungeklärt ist. Da dieses Problem insbesondere in strukturschwächeren Regionen virulent ist, könnte die Krise auch zu einer Verschärfung regionaler Disparitäten beitragen.

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Schließungen unvermeidlich

Es gehört zum Wesen einer marktwirtschaftlichen Ordnung, dass Unternehmen, die z.B. aufgrund veränderter Rahmenbedingungen Wettbewerbsnachteile erleiden, aus dem Markt ausscheiden müssen. Auf diese Weise wird der Produktivitätsfortschritt vorangetrieben, denn im Regelfall werden sie durch Unternehmen verdrängt, die aufgrund von Kosten- oder Innovationsvorteilen besser an die veränderten Bedingungen angepasst sind. Es wäre deshalb auch in der Coronakrise falsch, Unternehmensschließungen per se vermeiden zu wollen – und manche der von der Bundesregierung beschlossenen Maßnahmen zur Bekämpfung der Krise, vor allem die unkonditionierte Verlängerung der erleichterten Kurzarbeitergeldregelungen bis zum Ende des Jahres 2021, bergen die Gefahr in sich, dass diese marktbereinigende Wirkung des Wettbewerbs außer Kraft gesetzt wird.

Liquiditätshilfen gerechtfertigt

Um das beschriebene Verdrängungsrisiko abzugelten, enthält der Unternehmerlohn stets auch eine Risikoprämie, um normale Marktrisiken abzugelten. Die Coronakrise und der weitgehende Lockdown lassen sich allerdings kaum in den Bereich normaler, von den Unternehmen antizipierbarer Risiken einordnen, weshalb Liquiditätshilfen, wie sie die Bundes- und Landesregierungen bereitstellen, ihre Berechtigung haben. Hinzu kommt, dass auch solche Unternehmen unverschuldet in Not geraten sind, die etwa aufgrund ihrer gesamtwirtschaftlich bedeutsamen Innovationsleistung oder einer wichtigen Position als Zulieferer besonders wichtig sind. Hier erscheint es schon wegen der mit einer etwaigen Schließung verbundenen externen Effekte gerechtfertigt, auch mit an und für sich marktwidrigen Hilfen wie einer Beteiligung des Staates einzuspringen. Wichtig ist dann allerdings, die für eine Gewährung von Eigenkapitalhilfen relevanten Kriterien vorab festzulegen und die Entscheidungsfindung hierüber möglichst zu entpolitisieren. Größe allein darf dabei sicherlich kein Kriterium sein.

Dauerhafte Schwächung

Von Unternehmensschließungen dürften gerade Branchen betroffen sein, die besonders stark durch die Pandemie betroffen sind und die durch kleinere, eher eigenkapitalschwache Unternehmen geprägt sind. Handel, Gastgewerbe und Beherbergungsgewerbe gehören damit zu den am stärksten gefährdeten Bereichen. Doch gerade hier sind die Markteintrittshürden vergleichsweise niedrig, sodass die jeweiligen Märkte dauerhaft bestehen bleiben dürften. Scheiden Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbe hingegen aus dem Markt aus, werden sie unter Umständen nicht oder zumindest nicht schnell wieder ersetzt, weil die Markteintrittshürden häufig deutlich höher liegen. Hinzu kommt, dass die Industrie als internationalisierter Sektor auch unter besonders starkem überregionalem Wettbewerbsdruck steht: Wenn Unternehmen in Deutschland schließen müssen, kann ihr Marktanteil unter Umständen auch durch ausländische Konkurrenten übernommen werden. Die Coronakrise birgt somit die Gefahr, dass es zu einer dauerhaften Schwächung der deutschen Industrie kommt. Will man das vermeiden, scheinen Liquiditäts- und Anpassungshilfen hier deutlich eher gerechtfertigt als in den anderen genannten Sektoren. Das Problem besteht hier vor allem darin, coronabedingte Strukturanpassungen von jenen zu trennen, die Teil eines längerfristigen markt- oder politikgetriebenen Umbruchs sind. Dazu zählen die politisch gewollte Dekarbonisierung der Wirtschaft und der Megatrend Digitalisierung.

Internationale Arbeitsteilung

Deutschland hat bislang von der Globalisierung profitiert: Als Lieferant von Gütern und dadurch, dass Produktion an kostengünstigere Standorte ausgelagert bzw. Vorprodukte von dort bezogen wurden, was insgesamt zu einer kosteneffizienteren Produktion geführt hat. Die Coronakrise hat aber deutlich gemacht, dass Firmen mit alleiniger Orientierung auf Kostenvorteile beim Bezug von Vorprodukten riskieren, von wenigen Zulieferern abhängig zu sein. Vielfach wird deswegen vermutet, dass die Pandemie zu einer Überprüfung von globalen Lieferketten Anlass geben könnte, was zur Rückholung von Produktion (Reshoring) und damit zu weniger grenzüberschreitender Arbeitsteilung führen könnte. Produktion würde durch den Verzicht auf Spezialisierungsvorteile teurer, und insbesondere Länder mit geringeren Arbeitskosten hätten schlechtere Wachstumschancen. Dies wiederum hätte auch Rückwirkungen auf die deutschen Exporte. Eine Abkehr von der internationalen Arbeitsteilung wäre letztlich mit Wohlfahrtsverlusten auf allen Seiten verbunden. Manches spricht dafür, dass rational handelnde Unternehmen schon aus einem Eigeninteresse heraus ihre Lieferketten stärker diversifizieren, um sich weniger abhängig von wenigen Zulieferern bzw. Abnehmern zu machen. Auch das würde zwar mit einer Erhöhung der Produktionskosten einhergehen, jedoch wären diese dann als eine Art Versicherungsprämie gegen einseitige Abhängigkeiten anzusehen und damit hinzunehmen. Soweit es dazu kommt, könnte dies der globalen Verflechtung sogar positive Impulse geben.