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Flexibel bis zum Stapellauf

Die Mega-Yachten von Lürssen

Flexibel bis zum Stapellauf

Für die meisten ein Faszinosum, bei Lürssen das täglich Brot: Mega-Yachten. Ihre Planung und ihr Bau sind anspruchsvoll, zeitintensiv und komplex. Auch, weil die Konstrukteure jeden Kundenwunsch umsetzen. Um bis zum Stapellauf flexibler auf Änderungen reagieren zu können, Prozesse zu optimieren und transparent zu machen, migrierte die Werft auf die neueste Version ihres ERP-Systems – komplett im Standard.

 (Bild: Fr. Lürssen Werft GmbH & Co. KG) [1]

(Bild: Fr. Lürssen Werft GmbH & Co. KG)

‚Geht nicht, gibt’s nicht‘ lautet der bestimmende Leitgedanke bei Lürssen, mit dem das Familienunternehmen seit seiner Gründung 1875 kontinuierlich Maßstäbe im Schiff- und heute verstärkt im Yachtbau setzen lässt. Viele der größten und technologisch anspruchsvollsten Yachten der Welt stammen aus dem Traditionsbetrieb, zu dem heute insgesamt acht Werften zählen. Mit der Azzam verließ 2013 beispielsweise die größte je gebaute Motoryacht die Lürssen-Werft. Die Yacht misst 181m und ist gespickt mit hochentwickelter Technologie. Zudem bietet das 13.136 Tonnen schwere Schiff Unterhaltungs- und Erholungsflächen der Superlative. Selbst Branchenfremde können ahnen, dass in diesem Segment nichts von der Stange kommt. „Vermutlich gibt es kaum ein Produkt, das so individuell und komplex ist wie eine Mega-Yacht“, sagt IT-Leiter Lothar Brose. Und er ergänzt: „Jeder Kundenwunsch, egal mit welcher Herausforderung er verbunden ist, wird von unseren Ingenieuren umgesetzt. Das bedeutet, dass auch jederzeit Umbauten realisiert werden – und zwar bis zur Ablieferung der Yacht“.

Das verwendete Material ist hochwertig ... (Bild: Fr. Lürssen Werft GmbH & Co. KG) [2]

Das verwendete Material ist hochwertig … (Bild: Fr. Lürssen Werft GmbH & Co. KG)

Das verwendete Material ist hochwertig, teilweise müssen Lieferkettenplaner mit höheren Vorlaufzeiten rechnen. (Bild: Fr. Lürssen Werft GmbH & Co. KG) [3]

… teilweise müssen Lieferkettenplaner mit höheren Vorlaufzeiten rechnen. (Bild: Fr. Lürssen Werft GmbH & Co. KG)

Drei Jahre Bauzeit

Etwa drei Jahre Bauzeit nimmt eine Yacht in Anspruch, knapp zwei liefert Lürssen jedes Jahr aus. Die Anforderungen an Planung und Bau der Yachten sind immens und ohne IT-Unterstützung kaum zu stemmen. Lürssen setzte hierfür zunächst auf eine hochangepasste Version des ERP-Systems PSIpenta, hat sich aber mit dem Wechsel auf die neue, Java-basierte Version 9 gleichzeitig für den Sprung in den Standard entschieden.

Prozessdesign als Dreh- und Angelpunkt

Hierfür gab es gleich mehrere Gründe: beispielsweise die Schaffung einer wirtschaftlich sinnvollen Updatefähigkeit, der Wechsel auf ein System, das flexibel auf strukturelle Veränderungen reagieren kann sowie die Abbildung prozessorientierter und damit transparenter Strukturen. Dreh- und Angelpunkt der Migration war auch ein Prozess-Redesign. Im Kern ging es um die Harmonisierung bzw. stärkere Verknüpfung der bis dato recht autarken Strukturen von Konstruktion und Fertigung. „Konstrukteure sind gewohnt, in Systemen zu denken“, beschreibt Lothar Brose die Unterschiede. „Dem gegenüber steht die ablauforientierte Planung der Produktion in verschiedenen Bauphasen – wiederum zusammengefasst in mehrere große Meilensteine. Bei uns sind es drei“, ergänzt der IT-Leiter. Diese gegensätzlichen Anforderungen galt es umzusetzen – möglichst nah am ERP-Standard.

Verknüpfung von Konstruktion und Fertigung

Heute sieht der Prozess wie folgt aus: Die Konstrukteure erarbeiten zu den jeweiligen Systemen eine dispositiv nicht wirksame Stückliste, die auch alle weiteren relevanten Informationen enthält. Hierzu zählt insbesondere der Wertefluss für das jeweilige Projekt. Hat ein Konstrukteur eine Stückliste finalisiert, wird sie in die Arbeitsvorbereitung überführt. „Von der linken Seite – das ist bei uns die konstruktive Sicht – zieht sie ein Mitarbeiter per Drag&Drop auf die rechte und damit auf die Produktionsseite – und zwar in eine oder mehrere dispositiv wirksame Stücklisten“, erläutert Brose. Diesen neu erstellten Stücklisten weist die Projektplanung automatisch Arbeitspakete zu, die auch den Zeithorizont für das jeweilige Teil enthalten und taktet diese optimiert ein. Zudem stellt das System eine Beziehung zwischen der linken und rechten Seite her, wodurch bei Änderungen in der Konstruktionssicht die erforderlichen Verschiebungen auf der Produktionsseite deutlich werden.

Die Mega-Yachten von Lürssen

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Bei den Fertigungsstücklisten geht Lürssen eigene Wege. (Bild: Fr. Lürssen Werft GmbH & Co. KG) [4]

Bei den Fertigungsstücklisten geht Lürssen eigene Wege. (Bild: Fr. Lürssen Werft GmbH & Co. KG)

Rahmen für komplexe Projektstrukturen

Mit dem Wechsel auf die neue ERP-Version konnte Lürssen auf die PSIpenta-Projektstrukturen wechseln – inzwischen ein zentrales Element beim Schiffbauer. „In dem vormals hoch angepassten System ergab sich für die Umsetzung unserer komplexen Anforderungen einfach kein sinnvoller Ansatz“, beschreibt Lothar Brose. Heute umfasst ein Projektplan bis zu 11.000 Positionen und bildet damit alle relevanten Planungspositionen ab. Über eine Schnittstelle übermittelt das System diese als Arbeitspakete in das Auftragsmanagement. Dabei entstehen automatisch die entsprechenden Fertigungsauftragsstrukturen – also inklusive Zeitstrahl und Arbeitspaketnummer. Dem IT-Leiter zufolge steuert Lürssen auf dieser Grundlage flexibel und effizient die Fertigung: „Wir haben einen Überblick über die Abarbeitungsstände und können früh auf Ereignisse reagieren“.

Spezialprozesse erfordern spezielle Abbildung

So einmalig die Endprodukte der Lürssen-Werft sind, so besonders fallen auch einige Aspekte aus, wie das ERP-System eingsetzt wird. Dazu zählt, dass es im System keine Kundenaufträge gibt und am Ende kein Lieferschein ausgestellt wird. Auch die Unterscheidung zwischen Lager- und Basisartikel ist nicht gängig: Der Basisartikel beschreibt eine lose Hülle des Artikels. Dieser wird in der Fertigungsstückliste näher spezifiziert und erhält über eine Gerätenummer die Eindeutigkeit zur Stückliste. „Besonders ist vielleicht auch unsere Warenschnellerfassungsmaske, mit der wir große Mengen schnell ins Lager bekommen können“, erläutert Brose. Dies trifft auf die sogenannte Verrohrung und die Elektro-Komponenten eines Schiffes zu, für die pro Bestellung schnell 100 bis hin zu mehreren 1.000 Positionen vereinnahmt werden müssen. „Wir füllen in der Maske die Kopfdaten aus, die das System mit der Übernahme in die Positionen als Vorbelegung überträgt. Jede Position ist dabei abänderbar. Wird die Buchung ausgelöst, überträgt die Software die relevanten Daten – und zwar unter Nutzung der Standardfunktionalität zur Warenvereinnahmung“, beschreibt der IT-Leiter den Prozess. Als wertvoll erweist sich beim Schiffsbauer nicht zuletzt die Option, über bestimmte Kenner Artikel bereits ordern zu können, auch wenn sie noch nicht ausspezifiziert sind und erst ein oder zwei Jahre später verbaut werden. Beispielsweise muss das Klima-Lüftungssystem (Heating, Ventilating and Air Conditioning, HVAC-System) aufgrund der langen Vorlaufzeiten möglichst früh als Paket bestellt werden – und daher bevor die genaue Ausprägung bekannt ist. Hierfür nutzt Lürssen eine Bestellset-Funktion. Ein solches Set besteht neben den Kopfdaten aus vielen Einzelpositionen, die fortlaufend ergänzt werden können.

ERP-Maske zur Schnellerfassung von Waren. (Bild: Fr. Lürssen Werft GmbH & Co. KG) [5]

ERP-Maske zur Schnellerfassung von Waren. (Bild: Fr. Lürssen Werft GmbH & Co. KG)

Arbeitsfähig seit dem ersten Tag

Dass der Schiffbauer heute zu 80 Prozent im Standard des ERP-Systems arbeitet, war mit einigem Aufwand verbunden. So hatte sich das Unternehmen zum Ziel gesetzt, die Daten der Vorgängerversion in die neue Prozesslogik zu migrieren. Hierfür musste Lürssen unter anderen mit hunderten Dialogen, Auswertungen und Formularen im Altsystem umgehen, die nicht einfach in die neue Programmierwelt übertragbar waren. Dabei entschlossen sich die Verantwortlichen die im Unternehmen sogenannte Sonderlocken nach Aufrufhäufigkeit zu priorisieren und teils auszusortieren. „Wirklich herausfordernd war schließlich der Corona-Lockdown, der uns mitten in den Schulungen der 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer traf, zwei Wochen vor dem geplanten Start“, blickt Lothar Brose zurück. So verschob das Unternehmen den Start von März nach Oktober 2020. Der gelang dann umso besser, findet der IT-Leiter: „Natürlich gab es ein paar übliche Fehler und hausgemachte Herausforderungen. Entscheidend ist aber, dass wir vom ersten Tag an vollumfänglich arbeitsfähig waren“. Zwar lassen sich die Effekte der ERP-Migration und des Prozess-Redesigns aufgrund der langen Projektlaufzeiten noch nicht in Zahlen ausdrücken. Klar ist aber schon heute, dass durch die transparent abgebildeten Prozesse die Planung und Bestellung von Komponenten deutlich besser geworden sind. Einen Qualitätssprung erwartet Lürssen auch mit der Einführung der PSI Industrial App für die Lagerwirtschaft. Ihre Einbindung steht bereits auf der To-do-Liste des IT-Leiters.

Komplex und präzise

Flexible, präzise und transparente Prozesse trotz hochkomplexer Projektstrukturen – darauf muss sich Lürssen beim Yachtbau verlassen können. Mit der Migration auf die neueste Version seines ERP-Systems und der Umstieg auf das darin integrierte Projektmanagement ist dem Unternehmen das gelungen. Damit hat die Werft die Bedingungen geschaffen, um weiter faszinierende Wunschobjekte vom Stapel zu lassen.

(Bild: Fr. Lürssen Werft GmbH & Co. KG) [6]

(Bild: Fr. Lürssen Werft GmbH & Co. KG)