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Cideon-Geschäftsführer Clemens Weis:

„Digitalisierung ist wie ein Puzzlespiel“

Im Journalismus gilt die Faustregel, Amtsträgern 100 Tage Zeit bis zur ersten Beurteilung ihrer Arbeit einzuräumen. Im Sinn dieser Tradition haben wir im Februar 2021 mit Dr.-Ing. Clemens Weis gesprochen, der letzten November zum Geschäftsführer der Cideon Software & Services berufen wurde.

 (Bild: Cideon Software & Services GmbH & Co. KG)

(Bild: Cideon Software & Services GmbH & Co. KG)

Herr Weis, Sie sind seit knapp 100 Tagen im Amt. Worauf lag Ihr Fokus in dieser Zeit?

Dr. Ing. Clemes Weis: In Sachen Personal und Organisation setze ich die sehr gute Arbeit meines Vorgängers Clemens Voegele fort. Er hat begonnen, die Cideon-Organisation von einer stark nach Produktbereichen sortierten Aufstellung in eine Matrixorganisation zu überführen. So können die Mitarbeiter enger und effizienter zusammenarbeiten. Im Projektgeschäft lassen sich damit personelle Ressourcen optimal planen. Wichtig war mir auch, die neuen Kollegen kennenzulernen. Ich arbeite nach dem Grundsatz ‘First Who, then What’. Das zweite Thema ist die Prozesskette. Wir unterstützen unsere Kunden, effizienter zu werden. Das gilt nicht nur für das Engineering. Wir wollen entlang aller Prozesse im Kerngeschäft unsere Leistungen erweitern. Das startet im Engineering, unserem Kernthema, und geht weiter in die Fertigung bis hin zum Service.

Sie kommen von einem Maschinenbauunternehmen, wo Sie die Umsetzung der Digitalisierung verantworteten. Hilft Ihnen diese Erfahrung?

Weis: Bereits in meiner Zeit bei SAP Japan habe ich einen guten Einblick in die Cideon-Schnittstellen erhalten – ebenso in die Arbeitsweise und die Produkte des Unternehmens. Bei meinem letzten Arbeitgeber sammelte ich viel Erfahrung, was die Kunden- bzw. Anwendungsseite betrifft. Ein Beispiel dabei ist der Service. Wenn man Maschinen weltweit vertreibt und eine Maschine irgendwo auf der Welt stehenbleibt, will der Kunde schnellstmöglich Hilfe. Wenn dann der Servicetechniker sofort los reist, kann es trotzdem zwei oder drei Tage dauern, bis er vor Ort ist. Und dann muss er alles dabeihaben, was er für die Reparatur braucht – Ersatzteile, aber vor allem Know-how und Dokumentation. Insgesamt ist er, bis er beispielsweise in den USA eine Maschine repariert hat, frühestens nach einer Woche wieder zurück. Um diese Zeiten zu verkürzen, haben wir dort an Remote-Technologien gearbeitet, mit deren Hilfe der Servicetechniker von seinem Standort aus den Monteuren des Kunden hilft, das Problem zu beheben – das oft gar nicht groß ist. Viel Erfahrung genügt, um diese kleinen Probleme zu erkennen und remote, sprich per Fernwartung, zu lösen. Diese Sichtweise auf den Prozess werden wir bei Cideon fortsetzen.

Hat Corona die Relevanz von Remote-Technologien erhöht?

Weis: Ja, sie gewinnen wesentlich an Brisanz. Reisen sind plötzlich praktisch gar nicht mehr möglich und wir sind gefordert, andere Lösungen zu finden. Hier kann Cideon seine Erfahrung einbringen. Ein elektronischer Ersatzteilkatalog und ein Internetshop ermöglichen es dem Kunden, schnell die zu seiner Maschine passenden Ersatzteile zu finden und zu bestellen. Eine digitale Verknüpfung der individuellen Maschine mit der Dokumentation sorgt dafür, dass der Servicetechniker beim Kunden stets die richtige, aktuelle und komplette Dokumentation zur Verfügung hat. Es bieten sich neue Geschäftsmodelle an, beispielsweise Service- und Wartungsverträge mit kurzen, garantierten Reaktionszeiten über Remote-Zusammenarbeit.

Wie offen ist denn der Mittelstand Ihrer Erfahrung nach für solche Themen wie Remote Service oder IoT?

Weis: Remote-Angebote sind spätestens seit Corona voll akzeptiert. Unternehmen sind froh, wenn es Lösungen gibt, die ohne Vor-Ort-Präsenz funktionieren. Und auch schon vor Corona war der Zeitfaktor ein Grund, Remote-Dienste zu nutzen. Hier erleben wir eine große Offenheit. Wichtig ist nur: Die Lösungen müssen auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten des Mittelstands angepasst sein. Eine Aufgabe ist es, unsere Kunden an solche Themen heranzuführen. Digitalisierung ist wie ein Puzzlespiel: Das Gesamtbild ergibt sich erst am Ende, bis dahin ergeben einzelne Bereiche Teilbilder, die aber nicht verbunden sind. Allerdings birgt das die Gefahr, dass grundlegende Dinge nicht beachtet werden, die spätestens dann zu Problemen führen, wenn Insellösungen zusammengeführt werden sollen.

Können Sie Tipps geben, wie mittelständischen Unternehmen der Start in die Digitalisierung gelingt?

Weis: Sie sollten nicht mit komplexen Aufgaben wie Data Lakes, IIoT oder KI beginnen, sondern mit einfacheren Lösungen. So haben die meisten Maschinen schon heute viele Sensoren. In diesem Fall muss nicht gleich eine hochkomplexe, selbstlernende IoT-Lösung installiert werden. Es reichen im ersten Schritt einfache Alarme, die ausgelöst und eventuell zum Hersteller übertragen werden. Eine Bestandsaufnahme über die Zeit und die Auswertung dieser Daten ist dann der zweite Schritt. Wichtig ist es, ein sauberes, belastbares Datenfundament zu schaffen, darauf aufbauend einfache Lösungen zu realisieren und dann Schritt für Schritt weiterzugehen.

Cideon erweitert sein Angebot an vielen Stellen. Das Lösungsportfolio im Bereich SAP - konkret die Vollintegration im Bereich ECTR, ist derzeit sehr stark nachgefragt. (Bild: ©Gorodenkoff/stock.adobe.com / Cideon Software & Services GmbH & Co. KG)

Cideon erweitert sein Angebot an vielen Stellen. Das Lösungsportfolio im Bereich SAP – konkret die Vollintegration im Bereich ECTR, ist derzeit sehr stark nachgefragt. (Bild: ©Gorodenkoff/stock.adobe.com / Cideon Software & Services GmbH & Co. KG)

Was bedeuten diese Trends für Cideon und Ihre Strategie?

Weis: Wir erweitern unser Angebot an vielen Stellen, indem wir unsere gewachsene Kompetenz und Erfahrung auf neue Bereiche ausdehnen, beispielsweise in der Beratung. Wir bauen parallel dazu unser Lösungsportfolio aus, indem wir die langjährige und enge Zusammenarbeit mit SAP und Autodesk nutzen, um mit eigenen Softwareangeboten die bestehenden Lösungen abzurunden.

Welche Auswirkungen der Coronakrise sehen Sie bei ihren Kunden und bei Cideon selbst?

Weis: Die Unternehmen hatten jetzt mehr als ein Jahr Zeit, sich auf die Situation einzustellen, deshalb ist Corona im betrieblichen Ablauf weniger zu spüren. Gerade der mittelständische Maschinenbau hatte schon immer relativ kurze Lieferketten – nicht wegen einer Pandemiegefahr, sondern um schneller reagieren zu können. Zulieferer kommen eher aus Osteuropa statt aus China. Insofern trafen die Lieferunterbrechungen die Branche weniger stark als manch andere, die wochenlang keine Vorprodukte aus Asien bekamen. Wenn ich hier durch das Haus gehe, fallen vor allem die leeren Schulungsräume auf. Diese werden sehr wahrscheinlich nie wieder so voll werden, wie sie einmal waren, denn auch hier sind Abwesenheit und Reisezeiten bzw. -kosten ein Faktor, den Unternehmen gerne minimieren. Online-Schulungen gewinnen an Bedeutung und wir werden dementsprechend mehr und mehr Themen so umstellen, dass Kunden die Schulungen online nutzen können. Wir lernen dabei viel von unserer Schwesterfirma Eplan, die hier schon gut aufgestellt ist. Beispielsweise werden dreitägige Schulungen online-gerecht in acht dreistündige Blöcke aufgeteilt und wir bieten an, über Citrix vorkonfigurierte Schulungsrechner zu nutzen, um die technischen Probleme, die sonst oft den Beginn von Onlinemeetings verzögern, ausschließen zu können.

Wie blicken Sie auf die nächsten 100 Tage und die weitere Zukunft von Cideon?

Weis: Cideon ist heute schon hervorragend aufgestellt. Seit zwei bis drei Jahren befinden wir uns in einem Transformationsprozess zum Systemintegrator, weg von Produkten und hin zu mehr Integration und Beratung. Wir werden den eingeschlagenen Weg konsequent weitergehen. In den nächsten beiden Monaten steht zudem der Umbau der Beratungsorganisation an. In der weiteren Zukunft geht es darum, vom Entwicklungsprozess ausgehend weiteres Intellectual Property aufzubauen und wie beschrieben dem Prozess entlang Know-how und Lösungen aufzubauen. So können wir organisch wachsen und erfolgreich am Markt bestehen.

 


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