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Im Plattformdschungel den Überblick behalten

Internet of Things

Im Plattformdschungel
den Überblick behalten

Für Unternehmen wird die Einführung von digital vernetzten Lösungen ein wichtiger Bestandteil ihrer digitalen Transformation. In den meisten Fällen werden Unternehmen dabei auf IoT-Plattformen von externen Anbietern zurückgreifen, da die Komplexität mit Eigenmitteln kaum beherrschbar ist. Dabei eine geeignete Auswahl zu treffen, kann sich als Herausforderung erweisen.

 (Bild: ©Funtap/stock.adobe.com) [1]

(Bild: ©Funtap/stock.adobe.com)

Beim Einsatz von IoT Plattformen ist es entscheidend, den passenden Grad der eigenen Wertschöpfung zu bestimmen, und zwar für jede Ebene des sogenannten IoT-Stack – also vom Sensor bis zur Cloud. Der Weg zu einer IoT-Lösung wird so zum neuen ‚Make or Buy‘, also zu einer strategischen Frage nach der optimalen digitalen Wertschöpfungstiefe. Mit der richtigen Methodik lassen sich mit wenigen zielgerichteten Schritten Anforderungen definieren, die richtigen Entscheidungen treffen und passende Angebote finden.

 

Eine Lösung aus zahlreichen Komponenten

Ob Frachtcontainer, Heizungsthermostate, Produktionsroboter oder Blutdruckmessgeräte – immer mehr Gegenstände verbinden sich zum Internet der Dinge (IoT) und sind in der Lage, über integrierte Sensoren und Netzwerkverbindungen Daten zu sammeln und zu kommunizieren. Dies führt zu neuen Geschäftsprozessen, Produkten und Dienstleistungen in nahezu allen Branchen. Um ein entsprechendes Angebot machen oder nutzen zu können, müssen Unternehmen die Vernetzung vom Sensor bis zur Cloud bewältigen. Eine vernetzte Lösung besteht dabei aus zahlreichen Komponenten: den Endgeräten und Sensoren mit entsprechendem Device Management, der Netzwerk-Anbindung zum Datentransport mit der passenden Connectivity Technologie, der Datenarchitektur mit den erforderlichen Prozessierungs- und Analysefähigkeiten sowie schließlich der eigentlichen, nutzerorientierten Anwendung. Die meisten Unternehmen, insbesondere solche mit eher traditionellem Produktgeschäft, verfügen aber oftmals weder über die Erfahrung noch über die Fähigkeiten, ein IoT-Angebot ganz eigenständig aufzubauen. Dementsprechend suchen die Unternehmen bei der Projektierung und Umsetzung Hilfe bei Lieferanten von IoT-Komponenten. Besonders gefragt sind dabei Plattformangebote, die versprechen, wesentliche Anwenderbedürfnisse durch standardisierte und zentral betriebene Software-Services zu erfüllen.

Drei Herausforderungen

IoT-Plattformen bilden das Rückgrat von skalierbaren IoT-Anwendungen und -Services. Sie versetzen auch kleine und mittelständische Industrieunternehmen in die Lage, derartige Anwendungen und Services zu entwickeln und anzubieten. Bei der Auswahl stehen Unternehmen vor drei wesentlichen Herausforderungen: Zum Ersten geht es darum, einen Überblick über eine fragmentierte und kaum überschaubare Anzahl von IoT-Plattformen zu gewinnen. Unternehmen können heute aus einer dreistelligen Zahl von enstprechenden Angeboten wählen – und diese Zahl könnte weiter steigen: für das Jahr 2021 wird der Umsatz allein mit IoT-Plattformen auf bis zu 2Mrd.? geschätzt. Daraus das passende Angebot auszuwählen, kann für das Anwenderunternehmen erheblichen Recherche- und Prozessierungsaufwand bedeuten. Daher kann es sinnvoll sein, die Anbieter zu kategorisieren und je Kategorie ein Shortlist von zwei oder drei Anbietern näher zu betrachten. Kategorein können beispielsweise ‚IT-Hyperscaler‘, ‚Branchenspezialist‘, ‚Connectivity-Spezialist‘, ‚Newcomer/Startup‘ sein.

Langzeitwirkung beachten

Zum Zweiten ist es notwendig, zukunftsfähige ‚Make or Buy‘-Entscheidungen auf den einzelnen Ebenen des IoT-Stacks zu treffen. Die Zusammenarbeit mit einer IoT-Plattform wird in ihrer Langzeitwirkung oft unterschätzt. Denn abhängig vom jeweiligen Preismodell, vom möglichen Integrations-Pfad, vom denkbaren Betriebsmodell, und von weiteren Faktoren,kann die unternehmerische Handlungsfreiheit teils erheblich eingeschränkt werden. Zukünftige Anbieter oder Betreiber einer vernetzten Lösung sollten daher ein grundsätzliches Zielbild der digitalen Wertschöpfungstiefe entwickeln und damit die eigene digitale ‚Make or Buy‘-Strategie festzulegen. IoT-Plattformen versprechen, verschiedene Aufgaben auf den verschiedenen Ebenen mit Standard-Software zu übernehmen und weitgehend zu automatisieren. Nur im Abgleich mit dem eigenen ‚Make or Buy‘-Ziel kann bestimmt werden, ob die jeweilige Komponente eines Plattform-Anbieters genutzt werden soll oder ob die entsprechende Fähigkeit mit Eigenmitteln entwickelt wird.15

 (Bild: ©zapp2photo_Fotolia_165294159_XL) [2]

(Bild: ©zapp2photo/Fotolia.com)

Die perfekte Lösung gibt es nicht

Zuletzt sollte der Umstand akzeptiert werden, dass wohl keines der Plattform-Angebote für eine spezifische Lösungsidee von sich aus perfekt ist. In der Praxis hat es sich daher bewährt, für die IoT-Plattformauswahl einen fachübergreifenden Kriterien-Katalog und entsprechende Kriteriengewichte festzulegen. Anbieter unterscheiden sich unter anderem im Funktionsumfang, in den unterstützten Connectivity-Technologien, bei der Skalierbarkeit und Elastizität im Betrieb, bei der Leistungsfähigkeit des Partner-Ökosystems und nicht zuletzt bei der Preisgestaltung. Hinzu kommt, dass die Marketingmaterialien der Anbieter dem Entwicklungsstand der Plattformen oft weit voraus sind. Bei der Auswahl empfiehlt sich daher eine sorgfältige Anforderungsanalyse und -gewichtung, mit anschließendem Fähigkeitsnachweis im Proof-of-Concept. Ein entsprechender Kriterienkatalog kann dabei bis zu 80 kritische Parametern umfassen. Dieser Vorab-Invest macht sich jedoch in der Regel bezahlt, da frühzeitig die Kompromisse und Trade-Offs der jeweiligen Angebote sichtbar werden.

Vendoren gegeneinander bewerten

Die strategische Bedeutung sowie die unterschiedlichen Einsatzszenarien und deren spezifische Anforderungen erfordern ein individuelles Vorgehen beim Weg zur vernetzten Lösung. Insbesondere die Auswahl der passenden IoT-Plattform sollte dabei – möglichst funktionsübergreifend – in die gesamte IoT-Strategie eingebettet sein. Als Best Practice hat sich das folgende Vorgehen bewährt: Im ersten Schritt wird ein Zielbild für den IoT-Marktangang festgelegt und funktionsübergreifend eine Use Case Roadmap erarbeitet und die angedachte Fertigungstiefe festgelegt. Darauf aufbauend werden Kriterien für die Vendorenauswahl festgelegt. In Schritt zwei wird eine Plattform-Vorauswahl getroffen; sodann werden Auswahlkriterien gewichtet, wiederum funktionsübergreifend, und IoT-Lösungsszenarien erstellt. Letztere werden in Schritt drei je infrage kommende Plattform konkretisiert. Schließlich erfolgt die finale, funktionsübergreifende Bewertung der Plattformen aus der Shortlist entlang der zuvor erarbeiteten Auswahlkriterien. Die gesamte Vorgehensweise wird durch ein integriertes Toolset unterstützt. Dazu gehören etwa ein standardisierter Diagnose-Fragebogen, mit dem die angestrebte vernetzte Lösung erfasst wird. Ebenfalls enthalten ist eine methodische Vorgehensweise (‚Industrial Design Thinking‘) zur raschen Konkretisierung der angestrebten Lösung sowohl in kaufmännischer als auch in technischer Hinsicht. Zu guter Letzt kommt auch ein umfassender Kriterien-Katalog zum Einsatz, mit dem Lösungsangebote von Vendoren systematisch gegeneinander bewertet werden können.

In drei Schritten zur Entscheidung

Der Weg zur vernetzten Lösung führt zwangsläufig über die Nutzung von Plattformangeboten. Mit einer bewährten Methodik kommt man als Unternehmen in drei Schritten zum geeigneten Anbieter. Diese Schritte zeichnen sich durch die Einbettung der Auswahlentscheidung in die gesamte IoT-Strategie sowie durch die Mitarbeit aller Funktionen aus. Damit können Unternehmen in kurz getakteten Projektphasen ihre Anforderungen an eine vernetzte Lösung formulieren und mit den passenden Anbietern die Umsetzung starten.


Laurenz Kirchner ist Managing Partner bei mm1 Consulting & Management.

Tiemo von Hinckeldey ist Senior Consultant bei mm1 Consulting & Management.