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Digitale Assistenzsysteme integrieren Mitarbeiter

Chance für ungelernte und Menschen mit Behinderung

Digitale Assistenzsysteme integrieren Mitarbeiter

Digitale Assistenzsysteme können nicht nur Daten bereitstellen, sondern auch mehr Menschen ins Arbeitsleben integrieren. Worauf es bei diesen Hilfssystemen ankommt und wie sie entwickelt werden, lässt sich in den Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren beobachten.

Mit der richtigen Unterstützung können ungelernte und Menschen mit Behinderung viele Lücken schließen, die der Fachkräftemangel offen lässt. (Bild: Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Hannover) [1]

Mit der richtigen Unterstützung können ungelernte und Menschen mit Behinderung viele Lücken schließen, die der Fachkräftemangel offen lässt. (Bild: Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Hannover)

Digitale Assistenzsysteme sind vielseitige Helfer: Sie stellen beispielsweise automatisiert Daten bereit, mit deren Hilfe der Produktionsprozess überwacht werden kann. Treten Abweichungen von den Vorgabewerten auf, können Mitarbeiter informiert werden, um gegenzusteuern. Sie können jedoch auch eingesetzt werden, um mehr Menschen die Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen. Ein gutes Beispiel dafür ist ein Assistenzsystem zur Montage von Schaltschränken, das die Firma Schubs mit Unterstützung des Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums Hannover entwickelt hat. Das System befähigt ungelernte Arbeiter, den Montageprozess im Unternehmen durchzuführen und kann auch Mitarbeiter mit Behinderungen bei der Montage unterstützen. Das Lesen und Verstehen komplexer Baupläne ist für das Montieren der Schaltschränke dadurch nicht mehr erforderlich. Ein Beamer projiziert den mit CAD-Software erstellten Bauplan auf den Schaltschrank.

Volle Dokumentation

Jedes zu verbauende Werkstück ist mit einem Barcode versehen. Sobald der Mitarbeiter den Barcode mithilfe eines Scanners ausliest, erkennt das System, um welches Bauteil es sich handelt und weist dem Mitarbeiter die Stelle an, an dem das Werkstück anzubringen ist. Nach Abschluss der Montage quittiert der Mitarbeiter den Vorgang an einem Touchscreen, sodass der gesamte Vorgang digital dokumentiert ist. Konnte das Werkstück nicht verbaut werden, wird auch das vom Mitarbeiter protokolliert.

Visualisierung statt Sprache

Statt der visuellen Einweisung per Beamertechnik wäre als Montageunterstützung auch der Einsatz einer Sprachsteuerung denkbar gewesen. Ziel war es in diesem Fall jedoch, auch Menschen mit geringen Sprachkenntnissen zur Montage der Schaltschränke zu befähigen. Daher kam von Anfang an nur eine visuelle Assistenz bei der Montage in Frage. Die Entwickler mussten sich nun noch entscheiden, ob sie eher auf die Beamertechnik setzen oder auf Datenbrillen. Der Einsatz von Datenbrillen empfiehlt sich immer dann, wenn es darum geht, zeitnah auf Veränderungen vor Ort zu reagieren. Die Technik kann ihre Stärken dort ausspielen, wo es um Ad-hoc-Anpassungen geht. Daher werden sie oft bei der Kommissionierung von Waren und Material eingesetzt.

Brille oder Beamer

Gegen den Einsatz von Datenbrillen für die konkrete Anwendung bei der Schaltschrankmontage sprachen mehrere Punkte: Zum einen sind Datenbrillen im Vergleich zu Beamern wesentlich teurer. Zudem benötigen sie für ihren Betrieb Akkus, sind also mit zusätzlichem Wartungsaufwand verbunden. Ausschlaggebend für den Ausschluss der Datenbrillen war in diesem Fall jedoch, dass der Umgang mit Datenbrillen erst erlernt werden muss. Die Lösung sollte jedoch möglichst intuitiv zu verstehen sein .

Chance für ungelernte und Menschen mit Behinderung

Digitale Assistenzsysteme integrieren Mitarbeiter

 (Bild: Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Hannover) [2]

(Bild: Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Hannover)

Vier Schritte

Unternehmen, die digitale Assistenzsysteme integrieren wollen, sollten sich in einem ersten Schitt fragen, wo es Probleme gibt, in welchen Bereichen die Produktion besonders komplex ist, wo diese erleichtert werden könnte und wo es besonders häufig zu Fehlern kommt. Im zweiten Schritt kann das Lastenheft erstellt werden. Dort sollte nicht nur definiert sein, was das System können soll und was es nicht darf, sondern auch, welche Bedürfnisse der Anwender zu berücksichtigen sind. Sollen möglichst viele Menschen in die Produktion integriert werden können, ist wichtig, dass das System intuitiv ist und weder kommunikative noch physische Barrieren enthält.

Technologieauswahl

Der dritte Schritt besteht aus der Technologieauswahl. Aufgrund der Angebots- und Anbietervielfalt empfiehlt es sich, entsprechendes Expertenwissen hinzuziehen. Die vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderten Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren bieten sich kleinen und mittleren Betrieben hier als Anlaufstelle an. Das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum eStandards hat als ein Beispiel mit der Mobilien Offenen Werkstatt die Möglichkeit geschaffen, sich über freie, offene Standards direkt im eigenen Produktions- oder Handwerksbetrieb informieren zu lassen. Im persönlichen Gespräch sowie anhand von Demonstratoren informieren die Experten dabei u.a. darüber, wie mit offenen Standards Abhängigkeiten bei IT-Systemen zu vermeiden sind. Das ist besonders dann wichtig, wenn das digitale Assistenzsystem nicht als ‚Stand-Alone‘ Gerät geplant ist, sondern in das ERP-System miteingebunden werden soll.

Pilotprojekt

Der letzte Schritt ist die Einführung des digitalen Assistenzsystems. Der Rollout sollte dabei möglichst ebenfalls in mehrere Schritte aufgeteilt werden. Zunächst empfiehlt sich ein Pilotprojekt. Die Mitarbeiter, die einen solchen Piloten testen, eignen sich später zudem dazu, andere Mitarbeiter mit dem neuen System vertraut zu machen. Sie sollten daher frühzeitig auch auf ihre Rolle hingewiesen und entsprechend gefördert werden.

Eigene Marke stärken

Der Fachkräftemangel spricht zweifellos für den Einsatz und die Entwicklung digitaler Assistenzsysteme, mit denen Arbeitsprozesse erleichtert und mehr Menschen in den Arbeitsalltag integriert werden können. Hinzu kommt, dass Unternehmen, die sich auf den globalen Märkten behaupten möchten, oftmals nicht nur gefragt werden, wie sie ihre Produkte herstellen, sondern auch, unter welchen Bedingungen und worin ihr Wert für die Gesellschaft liegt. Unternehmen, die sich dem stellen und möglichst vielen Menschen Zugang zu Arbeit ermöglichen, leisten daher nicht nur einen Dienst an der Gemeinschaft. Sie stärken mit der Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung letztlich auch ihre eigene Marke.