- IT&Production - https://www.it-production.com -

Branchenspezifische Funktionen in Eigenregie

Unternehmens- und Fertigungsmanagement

Branchenspezifische Funktionen in Eigenregie

Als die Unternehmensgruppe Hühoco die großen Datenmengen ihrer Standorte in der bestehenden heterogenen Systemlandschaft nicht mehr wie gewünscht steuern konnte, suchte der stahl- und metallverarbeitende Konzern nach einer neuen Lösung. Diese sollte flexibel, einheitlich und hoch integriert sein, um bei Bedarf Branchenprozesse auch selbst hinzufügen zu können.

Bild: Hühoco

Die Hühoco Group ist ein international tätiger, mittelständischer Konzern aus dem metallverarbeitenden Gewerbe. Die Unternehmen bedienen mehr als 30 Branchen etwa aus Automobil- sowie Elektronikindustrie und bieten eine breite Produktpalette von Systemlösungen veredelter Metallprodukte. Die Leistungsvielfalt reicht von der Kaltband- und Lackherstellung über das Walzen und die Beschichtung beziehungsweise Bearbeitung des Bandes im Rollschneid-/Stanzverfahren bis hin zur Herstellung von präzisen Stanz- und Biegeteilen. Die komplexen Prozesszusammenhänge sowie branchentypische Anforderungen machen eine anpassungsfähige und flexible Unternehmenssoftware erforderlich. Da die historisch gewachsene Systemumgebung der Gruppe ab einem gewissen Punkt an ihre Grenzen stieß, entschied der Metallverarbeiter die Einführung einer Enterprise Resource Planning-Lösung (ERP) für die fünf Unternehmen an den Standorten in Wuppertal und Bad Salzungen. Branchenspezifische Anforderungen – wie die softwareseitige Abbildung von Coils, Chargen oder Walztechnologien – prägen auch den IT-Alltag innerhalb der Unternehmensgruppe. Ebenso erfordern zahlreiche Vorschriften sowie DIN- und EN-Normen eine detaillierte Erfassung von Merkmalen innerhalb der Stammdaten zum Beispiel für Materialien, Lieferanten und Fertigung.

Flexibilität und nachhaltige Unternehmenssteuerung

Um all diese Rahmenbedingungen gerecht zu werden, enthielt das Pflichtenheft im Systemauswahlprozess der Unternehmensgruppe viele individuelle Funktionsanforderungen. Somit war die Möglichkeit, jederzeit selbst Anpassungen vorzunehmen und die Software mit vertretbarem Aufwand weiterentwickeln zu können, eine Grundvoraussetzung an das neue ERP-System. André Bovenkamp, Geschäftsführer der Hühoco-Gruppe, schildert: „Die technologischen Potenziale des Systems und der breite Funktionsumfang sollten uns eine umfangreiche Gestaltung ermöglichen.“ Innerhalb der Gruppe liefert die HFP Bandstahl GmbH & Co. KG kaltgewalzten Bandstahl an die Hühoco Metalloberflächenveredelung GmbH, diese produziert wiederum Aluminium- und Edelstahlbänder in Lohnveredelung für die Bereiche: elektrolytische Verzinkung, Bandbeschichtung, Längsteilen und Spulen. Diese Prozesse mussten im System abgebildet werden. Eine weitere Anforderung war die Schaffung einer ‚Lean-Production‘, um die Aufträge mit möglichst wenig Verschwendung sowie termin- und quantitätsgerecht abzuwickeln.

Deshalb waren eine detaillierte Planung des gesamten Produktionsdurchlaufes sowie eine lückenlose Rückverfolgbarkeit und Dokumentation wichtige Themen bei dem Implementierungsprojekt. „Da unsere Produktion acht- beziehungsweise neunstufig ist, standen auch eine effektive Fertigungssteuerung und ein gruppenweites Frühwarnsystem ganz oben auf der Anforderungsliste“, erklärt Michael Frank, Geschäftsführer der Konzerntochter SIV GmbH & Co. KG Stanz-Biegetechnik und Vertriebsleiter von HFP. Nach dem detaillierten Vergleich mehrerer Anbieter entschieden sich die Projektverantwortlichen im Fertigungsbetrieb für die Unternehmenslösung Canias-ERP der Industrial Application Software GmbH. Für die Fertigungsunternehmen spielte der offene Quellcode der Software eine entscheidende Rolle. „Die Tatsache, dass wir mithilfe der integrierten Entwicklungsumgebung ‚Tool for Redesign of the Operational Interface and the Application‘ (Troia) die Applikation eigenständig anpassen konnten, war für uns einer der wesentlichen Faktoren. Die offene Softwarearchitektur versprach Flexibilität und niedrige Reaktionszeiten“, führt Frank aus.

Das Pflichtenheft der Hühoco umfasste vor der Systemeinführung einer neuen Unternehmenssoftware auch die Anforderung, Informationen aus der Werkhalle standortübergreifend und durchgängig zur Verfügung zu stellen. Bild: Hühoco

Spezifische Abläufe selbst programmiert

Durch die Einführung der neuen ERP-Lösung konnte der Mittelständler seine Geschäftsprozesse in vielen Bereichen verbessern und die gewünschte Flexibilität erreichen. Der IT-Leiter von Hühoco, Klaus-Peter Schönfeld, berichtet über den Nutzen einer quelloffenen ERP-Software: „Aufgrund der eingesetzten Infrastruktur – Entwicklungsplattform Troia in Verbindung mit der Datenbank MYSQL – verfügen wir heute über eine Lösung, die zu beinahe 100 Prozent individuell ist und sogar von uns selbst programmierte Funktionsbereiche enthält.“ Schönfeld verspricht sich zudem langfristige technische Unabhängigkeit auf der Basis des webfähigen Systems. Außerdem profitiere das Unternehmen von der Integrationsphilosophie, die sich beispielsweise auf die schnittstellenlose Verknüpfung der eingesetzten Funktionsbereiche, den Prüftabellengrundsatz sowie den Zwang zur Nutzung von definierten Vorgabewerten beziehe. Des Weiteren kann die Software durch Automatisierung von wiederkehrenden Funktionsabläufen und die bedarfsorientierte Konfiguration des Systems zur Steigerung der Produktivität im Betrieb beitragen. Bovenkamp merkt beispielhaft an, dass allein der Wegfall von manuellen Eingaben bei der Auftragsbearbeitung eine Ersparnis von vier Stunden am Tag bringe. Diese frei gewordenen Kapazitäten können folglich für wertschöpfende Tätigkeiten genutzt werden.

Synergien durch standortübergreifenden Einsatz

Das standortübergreifend eingesetzte ERP-System dient der Unternehmensgruppe inzwischen als Basis, um nachhaltiges Datenmanagement zu betreiben. Die Standorte Wuppertal und Bad Salzungen können beispielsweise ihre Produktionsstände, Preise, Bestände und weitere Sachverhalte gegenseitig einsehen. Auch die Mitarbeiter der französischen Niederlassung haben die Möglichkeit, in ihrer Landessprache auf zentral geführte Informationen zuzugreifen und Buchungen vorzunehmen. Mit der Implementierung von Intercompany-Beziehungen konnten bestehende, gruppeninterne Geschäftsvorgänge realistisch abgebildet werden. So lassen sich etwa kurzfristige Kapazitätsverschiebungen und strategisch eingeplante Beziehungen zwischen den einzelnen Unternehmen nach dem Prinzip der ‚verlängerten Werkbank‘ übersichtlich erfassen, was die Qualität der Aussagen verbessert. Die mit dem Einsatz des neuen Systems verbesserte Übersicht über die Fertigungstechnologien des Unternehmens liefert zudem eine solide Grundlage für Planung, Überwachung und Steuerung der Produktionsprozesse. Unstimmigkeiten im Prozess werden so schneller offensichtlich. Das gestattet dem Unternehmen, frühzeitig geeignete Maßnahmen zu identifizieren und einzuleiten.

Einführungsprojekte gezielt vorbereiten

Im Laufe des Projekts hat IT-Leiter Schönfeld einige Vorgehensweisen entwickelt, die sich vor und während des umfangreichen Softwareprojekts bewährt haben. So erwies es sich Verlauf der Implementierung als große Hilfe, die Unternehmensprozesse vor Beginn der eigentlichen Softwareeinführung in ihrer Tiefe analysiert und definiert zu haben. Denn so stand im Voraus fest, was genau, wann und an welchen Stellen gewünscht beziehungsweise erwartet wird und welche unternehmensspezifischen Besonderheiten zu berücksichtigen sind. Bei Einführungsprojekten mit mehreren Standorten empfiehlt Schönfeld außerdem, zunächst einen Standort auf das neue System umzustellen, bevor eine Lösung unternehmensweit ausgerollt wird. Auch die frühe Einbindung der vom Systemwechsel betroffenen Belegschaft im Rahmen eines Change Managements sei ein Schlüsselfaktor, der direkten Einfluss auf die Akzeptanz der neuen Software und somit auf den Erfolg des gesamten ERP-Projektes ausübt.