- IT&Production - https://www.it-production.com -

Kommissionieren mit der Datenbrille

Pick-by-Vision im Warehouse-Management

Kommissionieren mit der Datenbrille

Die Kommissioniertechnologien Pick-by-Light und Pick-by-Voice haben die Arbeit im Lager verändert. Mit dem Einsatz der Datenbrille 'Google Glass' und Pick-by-Vision steht eine weitere technologische Neuerung vor der Lagertür. Bislang fehlten jedoch Anwendungen, um die Datenbrille an Unternehmenssoftware anzubinden. Die Würzburger Unternehmen Salt Solutions und Itizzimo haben nun eine Anwendung realisiert, die bildgestützte Kommissionierung und Lagerverwaltung verbindet.

Bild: Salt Solutions

In einem Atemzug mit dem bildgestützten Kommisioniervefahren Pick-by-Vision muss Augmented Reality genannt werden, denn die Technologie basiert auf genau diesem Prinzip. Der Begriff Augmented Reality (AR) beschreibt die Erweiterung der wahrnehmbaren Realität durch das Einblenden von Informationen, die über die fünf menschlichen Sinne sonst nicht zur Verfügung stehen. Für Anwender der Datenbrille Google Glass bedeutet dies, dass sie zusätzliche Daten in ihrem Sichtfeld oder über Sprachbefehle erhalten, die ihnen ohne die entsprechende Hardware nicht vorlägen. Diese Technologie eröffnet neue Nutzungsszenarien entlang der industriellen Versorgungskette: Die Anwendungsbereiche können navigierende Funktionen umfassen, aber auch die Darstellung erweiterter Handlungsanweisungen für den Anwender. So kann der Einsatz von ‚wearable Computing‘ beispielsweise bei der Kommissionierung zusätzliche und oft teure Hardware überflüssig machen.

Entwicklung im Schatten der Würzburger Weinberge

Eine besondere Hürde galt es allerdings zu nehmen, um die Hardware des nordamerikanischen Internetkonzerns im industriellen Umfeld zu nutzen: Eine Anbindung an die zentralen IT-Systeme, um Arbeitsaufträge zu bearbeiten, Bestände zu buchen und damit alle Daten aktuell zu halten, stand nicht zur Verfügung. In Würzburg haben sich zwei IT-Unternehmen dieser Aufgabe gewidmet und die nach eigenen Angaben erste Anwendung mit der Datenbrille realisiert, die in das Lagerverwaltungssystem SAP Extended Warehouse Management (EWM) integriert ist. Dabei brachte Itizzimo seine Kompetenz von auf dem AR-Gebiet im SAP-Umfeld ein, während das Logistik-Know-how von den Spezialisten für Systemintegration und IT-Lösungen des Unternehmes Salt Solutions stammt. Bei der Lösung, die beide Anbieter gemeinsam realisieren konnten, dient die AR-Brille als Multifunktionsgerät für den Lagermitarbeiter. Die Datenbrille kommuniziert mit Hilfe des Salt-Add-ons ‚Webservice Connector for Itizzimo Business Glasses‘ durchgängig mit dem Lagerverwaltungssystem. Über WLAN sind die Smart Glasses mit dem Unternehmenssystem verbunden, der Nutzer erhält so in Echtzeit Aufträge für den Kommissioniervorgang. Der Anwender bekommt diese in seinem erweiterten Sichtfeld angezeigt.

Identifikation per Kamera: Die Hände bleiben frei

Bisher wurden für solche Kommissioniervorgänge Datenterminals genutzt, die der Mitarbeiter bei dem Vorgang in der Hand halten musste. Am Beispiel ‚Lagerverwaltung‘ wird ein zentraler Vorteil der neuen Lösung deutlich: Im Gegensatz zu bestehenden Technologien wird kein zusätzliches Gerät zum Scannen von Material oder Ware benötigt. Beim Kommissionieren richtet der Mitarbeiter die Brille einfach auf einen QR- oder Barcode und registriert die Ware oder das Packmittel damit automatisch. So bleiben beide Hände für Aufgaben im Lager frei, was nicht zuletzt ergonomisch eine Verbesserung gegenüber anderen Technologien darstellt. Gleichzeitig steigt die Geschwindigkeit, mit der Aufträge erledigt werden, was den Lagerarbeiter effizienter arbeiten lässt. Auch finanziell verspricht der Ansatz Vorteile, da sich die Kosten für Scanner einsparen lassen, die im Vergleich zu Google Glass in der Anschaffung teurer sind.

Das über WLAN verbundene Smartglass erkennt Lagerort und Material anhand von QR- oder Barcodes und sendet diese an SAP EWM. Im Gegenzug erhält der Anwender vom Lagerverwaltungssystem in Echtzeit Aufträge für den Kommissioniervorgang, die in seinem erweiterten Sichtfeld angezeigt werden. Bild: Salt Solutions

Informationen zu Lagerort und Arbeitsablauf

Dem Mitarbeiter werden nicht nur die Aufträge im erweiterten Sichtfeld angezeigt: Steht der Mitarbeiter vor dem korrekten Lagerplatz, wird ihm das durch eine farbige Markierung signalisiert. Auch Ladehilfsmittel mit der Ware werden entsprechend markiert. Zusatzinformationen weisen zudem darauf hin, ob die Ware zerbrechlich ist, Gefahrstoffvorschriften eingehalten werden müssen oder weitere Details beachtet werden müssen. Auch eine Serialnummernerfassung kann in den Kommissioniervorgang über die Scanfunktion der Datenbrille integriert werden. Der Mitarbeiter erhält somit klare Arbeitsanweisungen aus dem Lagerverwaltungssystem. Durch Bestätigungsfunktionen wird der Fortschritt eines Auftrags genau dokumentiert und in Echtzeit an das Unternehmenssystem zurückgemeldet. Somit wird der Mitarbeiter von der ersten Anweisung bis zum Abschluss des Kommissioniervorgangs Schritt für Schritt durch den Prozess geführt.

Auswahl zwischen manuellem und systemgestütztem Ablauf

Findet der Mitarbeiter in einem Regal nicht die vorgesehene Ware, kann er zum Beispiel über eine Tastatur, die per Bluetooth mit der Datenbrille verbunden ist, eine Ausnahmebehandlung durchführen. Gleiches gilt für weitere Szenarien, in denen Daten nicht mit Lagerbeständen übereinstimmen. Abhängig vom Arbeitsmodus – manuell oder systemgeführt – startet der Mitarbeiter den nächsten Kommissioniervorgang. Im manuellen Modus lässt sich der nächste Vorgang durch das visuelle Erfassen des Barcodes einer Handling-Unit zum Kommissionieren starten. Im systemgeführten Modus schlägt hingegen die Lagerverwaltung den nächsten Kommissionierauftrag vor. Im Ergebnis ermöglicht das Verfahren eine hohe Kommissionierqualität. Durch das Einblenden und die nachfolgende Bestätigung der Arbeitsaufträge wird die Anzahl an Kommissionierfehlern reduziert, und es erfolgt eine Erhöhung des wertschöpfenden Anteils in den AR-gestützten Prozessen.

Vom Showroom in die industrielle Anwendung

In den Räumen von Salt Solutions in Würzburg wurde für Demonstrations- und Lernzwecke ein Showroom mit SAP EWM realisiert. Darin werden lagerrelevante Prozesse – inklusive Materialflusssteuerung und einer Fördertechnik – nachgebildet. Seit kurzem können hier auch Kommissioniervorgänge aus einem Fachbodenregal mittels Pick-by-Vision durchgeführt werden. Auf diese Weise können Interessenten die Technologie der beiden Kooperationspartner erleben. Beide Unternehmen sehen das Potenzial, ihre Lösung in Kürze in einem Pilotprojekt umzusetzen. Denn während im Consumer-Markt noch heftig über die Vor- und Nachteile von Google Glass diskutiert wird, ergeben sich im Business-Umfeld klare Einsatzszenarien. Um diese umzusetzen, müssen zwei Voraussetzungen erfüllt werden: Auf der einen Seite ist es Aufgabe der IT-Unternehmen, passgenaue Schnittstellen zu entwickeln und den Produkten damit erst einmal zur Marktreife zu verhelfen. Zum anderen liegt es an der Industrie, Mut zu beweisen und in einem frühen Stadium auf eine Technologie zu setzen, welche die Arbeitsabläufe im Unternehmen verändern kann.