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Obsolescence Management

Fehlverhalten will geübt sein

Was tun, wenn plötzlich ein wichtiges Bauteil für die Produktion fehlt, kein Treiber für das unbedingt notwendige Geräte-Update verfügbar ist, die eingesetzte Prozess-Software vom Hersteller nicht mehr unterstützt wird? Damit solche Situationen nicht eskalieren oder besser erst gar nicht entstehen, ist die Entwicklung passender Obsolescence-Strategien gefragt.


Bild: COG

In Deutschland bewegen sich allein die durch abgekündigte, auf dem regulären Markt nicht mehr erhältliche elektronische Bauteile verursachten Kosten inzwischen im dreistelligen Millionenbereich, durch immer häufiger auf dem Markt angebotene gefälschte Bauteile verursachte Schäden nicht mitgerechnet; auch nicht die durch nicht mehr unterstützte Software verursachten Folgekosten. Dabei ist zu erwarten, dass sich die Situation weiter verschärft: Wegen der immer kürzeren Produktlebenszyklen im Consumer-Bereich sind inzwischen auch viele industriell genutzte Elektronikkomponenten nach ein, zwei Jahren schwer oder so gut wie gar nicht mehr verfügbar.

Ähnlich verhält es sich mit mancher Software. Solch extrem kurze Verfügbarkeitszeiten lassen sich mit den etwa in Automobil-, Raumfahrt-, Medizin- und Automatisierungstechnik üblichen Produktlebenszyklen von fünf, zehn oder mehr Jahren nur schwer unter einen Hut bringen. „Wir stellen in Gesprächen immer wieder fest, dass Anspruch und Realität mitunter weit auseinander klaffen. Ein 32-Bit-Mikroprozessor ist leider keine M4-Schraube, die man nach Jahrzehnten notfalls auch in jedem Baumarkt bekommt. Die Innovationszyklen in der Elektronik folgen anderen Gesetzmäßigkeiten, mit denen man sich beispielsweise als typischer Maschinenbauer erst einmal vertraut machen muss. In der Elektronik und im Softwarebereich wird sich Obsolescence nie ganz vermeiden lassen. Umso wichtiger ist es, die negativen Auswirkungen zu minimieren“, sagt Ulrich Ermel, Vorstandsvorsitzender des Component Obsolescence Group (COG) Deutschland e.V.

Doch eine Patentlösung kennt auch Ermel, hauptberuflich Obsolesence-Beauftragter eines großen deutschen Electronic Manufacturing Services-Anbieters (EMS), nicht. „Im Kern geht es darum, Obsolescence-Risiken bereits in der Evaluierungsphase eines Projektes zu erkennen, zu analysieren und wo immer möglich im Vorfeld zu eleminieren. Nur gleicht erfahrungsgemäß kein Projekt dem anderen. Folglich reden wir hier von einem langwierigen und letztlich auch nie endenden Prozess.“

Eine übersehene E-Mail kann zum Bandstillstand führen

Wenn Hersteller elektronischer Bauteile täglich ihre Abkündigungs- und Änderungsmeldungen versenden, werden diese oft auch an Kunden der Kunden weitergeleitet. Dies erfolgt je nach Größe der Unternehmen mitunter über unstrukturierte und nicht eineindeutig nachvollziehbare Informationswege. In vielen Fällen erfolgt selbst die Übermittlung wichtiger Informationen schlicht per E-Mail mit PDF-Anhang. Damit genügt oft der Wechsel eines Mitarbeiters, damit Informationen auf der Strecke bleiben. Produktänderungen und -abkündigungen können bei fehlendem Ersatz unter Umständen aber bis zum Bandstillstand führen. Einige Industrieunternehmen haben zwar mittlerweile zentrale E-Mail-Postfächer und Obsolescence Mangement-Abteilungen.

Aber es sind nach Angaben von Ermel noch immer viel zu wenige Firmen, die den für das Product Lifecycle Management unabdingbaren Informationsfluss auf diese Weise sicherstellen. Außerdem gehe es dabei auch um das Thema Kostentransparenz. „Die Kosten, die durch Änderungen und Abkündigungen in der Supply Chain zu Änderungen am Produkt führen, werden in fast allen Unternehmen nicht korrekt dem Auslöser zugeschriebent. Würden die Kosten parallel zur Abkündigungs- oder Änderungsmeldung erfasst, wäre nachvollziehbar, welcher Hersteller durch häufige Änderungen welche Kosten am Produkt verursacht; eine Erkenntnis, die auch die Lieferantenauswahl für künftige Neuentwicklungen deutlich erleichtert“, sagt Emel.

Datenformat für Obsolesence-Meldungen

Die meisten verfügbaren Enterprise Resource Planning-Lösungen (ERP) für die Elektronikindustrie bieten allerdings noch kein umfassendes Obsolescence Case Management-System. Nur wenige Anbieter wie beispielsweise RAC haben in ihre Tools bereits entsprechende Case-Elemente integriert. Bis sich dies allgemein durchsetzen wird, gilt das Prinzip der kleinen Schritte. Das von einer COG-Arbeitsgruppe erarbeitete und seither kontinuierlich weiterentwickelte Smart PCN-Format beispielsweise hat zum Ziel, die bisher üblichen Mehrfachbearbeitungen der Product Change Notifications (PCNs) und End-of-Life-Benachrichtigungen (EOL) zu eliminieren oder zu minimieren.

Durch die neue Methodik, die eine weitgehend automatische Verarbeitung der Informationen erlaubt, soll sich der manuelle Aufwand um 75 Prozent reduzieren. „Um die Masse der Hersteller und Distributoren zur Verwendung des optimierten Smart PCN-Formats zu bewegen, ist seitens der COG Deutschland sicherlich noch einiges an Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit nötig. Aber solche vergleichsweise einfach zu handhabenden Maßnahmen könnten massiv dazu beitragen, die oftmals immensen Obsolesence-Risiken und -Kosten besser in den Griff zu bekommen“, konstatiert Ermel.


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