- IT&Production - https://www.it-production.com -

Lieferkettenplanung in der Konsumgüterindustrie

Lieferkettenplanung in der Konsumgüterindustrie

Lieferfähigkeit und niedrige Bestände müssen sich bei geschickter Lieferkettenplanung nicht ausschließen. Ein aktuelles Beispielprojekt beweist, dass durch dynamische Planungsprozesse zweistellige Millionenbeträge eingespart werden können – bei gleichzeitiger Steigerung des Lieferservicegrades.



Bild: Fotolia / Acik

Der globale Markt ist heutzutage gekennzeichnet durch stark schwankende Kundennachfrage, was in Folge einen schärferen Konkurrenzkampf für die Unternehmen bedeutet. Nur wer seine Produkte kostengünstig, hochwertig und rechtzeitig an den Kunden liefern kann, besteht am Markt. Insbesondere die Konsumgüterindustrie steht vor dem Dilemma, die Balance zwischen überhöhten Beständen und prekären Out-of-stock-Situationen zu meistern. Die Studie ‚Retail-out-of-stocks‘ hat ermittelt, dass die durchschnittliche Out-of-stock-Rate bei neun Prozent liegt. Dies führt zu erheblichen Umsatzverlusten in der Konsumgüterindustrie.

Das Forschungsinstitut für Rationalisierung (FIR) konnte im Rahmen einer Voranalyse bei fünf namhaften Konsumgüterherstellern ein Bestandssenkungspotenzial von 30 Prozent bei einem angestrebten Lieferbereitschaftsgrad bis zu 99,5 Prozent identifizieren. Dazu wurden Unternehmen mit Mitarbeiteranzahlen von 250 bis 4.000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz zwischen 4,3 und 611 Millionen Euro vom FIR im Rahmen des Projektes ‚Supply Chain Planning Optimization‘ (SCPO) untersucht.

Als Projektziel sollte eine hohe logistische Leistungsfähigkeit, kombiniert mit minimalen Logistikkosten erreicht werden. Besonderes Augenmerk lag auf der Vermeidung und Reduzierung von Out-of-Stock-Situationen, um Umsatzverlusten entgegen zu wirken. Der Ausdruck Supply Chain Planning bezeichnet die unternehmensübergreifende Planung und Steuerung der Materialflüsse entlang der gesamten Wertschöpfungskette, durch den SCPO-Ansatz zur Planungsoptimierung kann die Wettbewerbsfähigkeit signifikant gesteigert werden. Grundsätzlich ist es dafür aber notwendig, Wirkzusammenhänge und Einflussgrößen in der gesamten Lieferkette aufzudecken und zu analysieren.

Globalisierung als Treiber für Komplexität

Durch den Wandel im unternehmerischen Wettbewerb, der sich durch verkürzte Produktlebenszyklen, gestiegene Variantenvielfalt, Komplexität der Produkte und Globalisierung ausdrückt, hat sich die Komplexität der Lieferkettenplanung gesteigert. Zudem entstehen durch die Erschließung der asiatischen Beschaffungsmärkte und die Verlagerung der Produktionsstätten nach Asien höhere Wiederbeschaffungszeiten, was auch zu steigenden Unsicherheiten in den Planungsaktivitäten führt. Die zunehmend vom Markt geforderte Variantenvielfalt senkt außerdem in Kombination mit der steigenden Volatilität der Kundennachfrage die Prognosegenauigkeit, was wiederum einen schlechteren Lieferbereitschaftsgrad nach sich zieht.

In dieser Situation reagieren Unternehmen häufig mit überhöhten Beständen, um Kundenwünsche befriedigen zu können. Allerdings werden durch solche Strategien nicht die Ursachen adressiert, sondern lediglich die Symptome für ungenügenden Lieferservice. Das bestätigen auch die Untersuchungen des SCPO-Projekts: Der geforderte Lieferbereitschaftsgrad konnte, trotz eines Sicherheitsbestands mit einer Reichweite von 30 Tagen, nicht eingehalten werden. Als Hauptgrund dafür ließ sich die Bevorratung der falschen Artikel am falschen Ort ausmachen, außerdem wurde die Veränderung des Netzwerkes aufgrund Internationalisierung in der logistischen Planung nur teilweise mitverändert. Die veränderten Rahmenbedingungen spiegeln sich daher nicht in den gelebten Planungsprozessen wider.

Wirkzusammenhänge im Supply Chain Planning

Neben niedriger Lieferbereitschaft bringen suboptimale Planungsaktivitäten zu hohe Bestände mit sich. Um die Bestandstreiber zu analysieren, müssen die zugehörigen Einflussgrößen näher betrachtet werden – nur so können die zugrundeliegenden Wirkzusammenhänge für das Supply Chain Planning erschöpfend erfasst werden. Das FIR stellt dazu Abläufe und Abhängigkeiten in einem ‚Wirkungsnetz‘ dar. Dieses Schema setzt die Abhängigkeiten der wesentlichen Einflussgrößen auf das Supply Chain Planning – also Beschaffungskosten, Lagerhaltungskosten, Bestandsplanung, Lagerhaltungskosten, Prognosegenauigkeit, Transportkosten und Informationsfluss – sowie die zu optimierenden Messgrößen Kapitalbindung, Lieferservice und Bestandskosten in Verbindung.



Das Supply-Chain-Wirkungsnetz zeigt die gegenseitigen Abhängigkeiten von Einflussgrößen, Abläufen und Effizienzkennzahlen auf.

Defizite bei Bedarfsprogonse und Lagerverwaltung

Insbesondere in den Bereichen Forecasting und Inventory Management konnten in dem SCPO-Projekt Defizite identifiziert werden. Sowohl prozess- als auch verfahrensseitig konnten im Forecasting des Unternehmens erhebliche Lücken aufgedeckt werden. Zudem bestanden signifikante Brüche im Informationsfluss. Marketingaktivitäten, beispielsweise Werbeaktionen, wurden zu spät von den Landesgesellschaften an die Logistik kommuniziert. Des Weiteren wurde im Bereich der Bedarfsprognose kein differenzierter Einsatz von Prognoseverfahren durchgeführt, sondern das im Enterprise Ressource Planning-System (ERP) voreingestellte Standardverfahren eingesetzt. Durch diese Defizite lag die eine durchschnittliche Prognosegenauigkeit bei 57 Prozent.

Im Inventory Management ließen sich zwei Kernprobleme aufdecken: Erstens wurden doppelte Sicherheitsbestände geführt – Waren wurden in Unkenntnis der Bestandssituation im Netzwerk durch unterschiedliche Geschäftsbereiche bevorratet. Zweitens verwendete das Unternehmen veraltete Methoden zur Bestimmung von Sicherheitsbeständen: Interne Vorgaben definierten die Sicherheitsbestände als ‚eiserne Reserve‘, die minimale Größe der Lagerbeständer wurde dadurch statisch vorgegeben. Da diese Abläufe direkt auf die zu optimierenden Messgrößen wirken, wurde an den beiden Punkten Bedarfsprognose und Lagerverwaltung zuerst angesetzt. Folgende Maßnahmen wurden als Gegenmaßnahmen zu den genannten Problemen im SCPO-Projekt durchgeführt:

Konzepte für höhere logistischer Leistungsfähigkeit

Auf Basis des dargestellten Wirkungsnetzwerkes können im Supply Chain Planning verschiedene Ansätze zur Optimierung der logistischen Leistungsfähigkeit abgeleitet werden. Dabei stellte eine Ist-Analyse die Basis der Vorgehensweise dar; Workshops und Einzelinterviews auf unterschiedlichen Ebenen lieferten den Rahmen, um Defizite und Schwachstellen zu erfassen. Darauf aufbauend konnten die primären Handlungsfelder zur Verbesserung der Planung identifiziet werden. Um eine solide Entscheidungsgrundlage für das Top-Management zu schaffen, lieferte eine Potenzialabschätzung eine qualifizierte Priorisierung der Handlungsfelder unterstützen.

Entsprechend der Priorisierung wurden in der Soll-Konzeption die Handlungsfelder bearbeitet und passende Strategien, Konzepte und Prozesse nach Bedarf anhand von Artikelklassen entwickelt und gestaltet. Durch den differenzierten Einsatz von Planungsstrategien in dieser Phase führte die Reorganisation der logistischen Planungsprozesse zu einer Standardisierung der Prozesse sowie einer differenzierten logistischen Behandlung der Artikelklassen. Dies führt insgesamt zu einer höheren logistischen Leistungsfähigkeit. Durch die systematische Vorgehensweise konnten erhebliche Verbesserungspotenziale realisiert werden: Die umgesetzten Maßnahmen führten im Projekt zu einem einmaligen Einsparpotenzial von 24,5 Millionen Euro durch die Reduzierung der Kapitalbindungskosten, sowie einer jährlichen Einsparung von 2,8 Millionen Euro durch die Reduzierung der Logistikkosten. Des Weiteren wurde die Forecast Accuracy auf durchschnittlich knapp 78 Prozent erhöht und der angestrebte Lieferservicegrad von 97,5 Prozent in der Regel gehalten. Damit konnten die Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern und sich im Markt eine zuverlässige Position sichern.