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Engpässen auf der Spur

Kapazitätsplanung mit System

Engpässen auf der Spur

Unproduktive Nebenzeiten, mangelnde Informationen über Produktionskosten oder unsichere Produktionsplanung: Ohne exakte Daten aus der Fertigung fällt es Unternehmen schwer, ihr gesamtes Potenzial auszuschöpfen. Die Dr. Schnabel GmbH in Limburg setzt daher auf IT-gestützte Zeit- und Mengenerfassung, um Produktionsplanung und Rückverfolgbarkeit zu unterstützen.

Bild: gbo datacomp/Dr. Schnabel GmbH

Angefangen hat man in Limburg im Jahr 2005 bei Null. So sieht es zumindest Erwin Klein, aus dem Order Management-Team bei der Dr. Schnabel GmbH. Das Unternehmen ist innerhalb der Geschäftseinheit Process Technology in die SGL Group eingebunden, das Unternehmen stellt unter anderem mit Fluor-Kunststoff (PTFE) ausgekleidete Rohrleitungen, Schläuche, Kompensatoren und Wärmetauscher her. Das umfangreiche Produktprogramm bedeutet gleichzeitig, dass es in Limburg bei einem Kundenauftrag häufig um mehrere Einzelaufträge geht. So können sich Rohre in einer Sammelbestellung etwa nach Länge oder Aufmass unterscheiden.

In der Summe ergibt sich so eine Vielzahl von Einzelaufträgen für die Produktion, die am Ende den eigentlichen Kundenauftrag ergeben. Die Erfassung dieser Einzelaufträge per Hand war zeitaufwändig und brachte auch Unsicherheiten in die Vor- und Nachkalkulation. Deshalb sollte mit einem Betriebsdatenerfassungssystem (BDE) einerseits eine Zusammenfassung der Aufträge zu Produktionssammelaufträgen möglich werden. Andererseits wollte das Unternehmen durch das IT-System eine Basis für die Kalkulation und notwendige Soll-Ist-Vergleiche schaffen. So standen das Erfassen aller aufgelaufenen Zeiten und Mengen, das Zusammenfassen mehrerer Aufträge mit gleichen oder ähnlichen Aktivitäten sowie die Kontrolle von produktiven und unproduktiven Arbeitszeiten ganz oben in der Prioritätenliste.

In das Geschäftssystem integrierte Lösung

Zudem sollte die BDE-Lösung mit dem vorhandenen ERP-System Proalpha kommunizieren können und offen für die Integration in andere ERP-Lösungen sein. Nach Referenzbesuchen und der Bewertung der Anbieter fiel die Wahl auf die BDE-Lösung Bisoft BDE100 des MES-Anbieters GBO Datacomp GmbH. Mittlerweile werden im Zuge der Eingliederung der Dr. Schnabel GmbH in die SGL Group alle Daten wie Arbeitspläne oder Stücklisten aus dem ERP-System SAP der Unternehmensgruppe eins zu eins in die BDE-Lösung übertragen. Die Arbeitspapiere werden dann in der BDE-Lösung ererstellt und im Anschluss mit einem so genannten Deckblatt in die Fertigung geschickt. Auf diesem Deckblatt befinden sich alle zu einem Fertigungssauftrag zusammengefassten Einzelproduktionsaufträge. Zusätzlich geht mit jedem Fertigungsauftrag noch eine Laufkarte mit der Stückliste, einem Arbeitsplan sowie Etiketten mit Barcode für die Produktkennzeichnung in die Fertigung. Die einzelnen BDE-Erfassungsplätze sind dabei so eingestellt, dass bei Anmeldung eines Auftrags und einer Mengenbuchung automatisch Materialbuchungen erfolgen.

Präzise Chargenverfolgung

Diese Vorgehensweise gestattet auch eine lückenlose Chargenverfolgung zur Erfüllung der Traceablity-Anforderungen im Rohrleitungsbau gemäß der Geräterichtlinie 97/23/EG. Kunden des Fertigungsbetriebes erwarten dies heute als Selbsverständlichkeit. Im Moment kommt das Verfahren im Produktbereich Rohrleitungsbau zum Einsatz, die Anwendung in der Kompensatorenfertigung ist aber ebenfalls denkbar. Für die Fertigung der ‚Rohr in Rohr-Systeme‘ im Bereich Rohrleitungsbau muss dokumentiert werden, welcher PTFE-Liner in welchem Rohr verbaut wurde. Hierfür ist das Stahlteil mit der Seriennummer des Endprodukts über ein Serienetikett mit Barcode gekennzeichnet.

Der PTFE-Liner ist ebenfalls durch ein Etikett mit der Chargenummer versehen, durch das Scannen der beiden Etiketten kommt es zu einer ‚Hochzeit‘. Gleichzeitig erfolgt beim Scan von Chargen- und Seriennummern eine Plausibilitätsprüfung anhand der Stückliste des Einzelauftrags und eine abschließende Speicherung. So lässt sich später nachvollziehen, welcher Liner sich in welchem Rohr befindet und wo welche Charge verbaut wurde. Die Chargenverfolgung hat zusätzlich den Vorteil, dass eventuelle Reklamationen besser gehandhabt werden könnten. Auch die Kommunikation mit dem Lieferanten gewinnt an Effizienz, da ein Nachweis besteht, welcher Lieferant das Ausgangsmaterial für welche Charge geliefert hatte.

Die Arbeitspapiere werden im BDE-System auf Basis der Auftragsdaten erstellt. Ein digitales ‚Deckblatt‘ fasst alle herzustellende Einzelprodukte eines Fertigungsauftrags zusammen. Bild: gbo datacomp/Dr. Schnabel GmbH

Sichere Kostenplanung per Knopfdruck

Mittlerweile hat man bei Dr. Schnabel neben der Umstellung der Schnittstelle auf SAP auch eine Schnittstellenanbindung an das Wiegesystem von Bizerba vollzogen. Auch die Betriebsdatenerfassung wurde erweitert, wertet jetzt Ist-Zeiten aus und errechnet um Ausreißer bereinigte Mittelwerte als Basis für die Vorkalkulation. „Früher als diese Daten per Hand erfasst wurden, hat man Vergleichswerte angenommen, die Kosten also mehr geschätzt. Was uns ein Produkt damals aber wirklich gekostet hat, konnte man deshalb nicht klar definieren. Heute reicht hierfür ein Knopfdruck“, erläutert Klein.

Abseites einer verlässlichen Kostenkalkulation unterstützt diese Funktion die Arbeitsplanung mit realistischen Vorgabezeiten. Als Folge werden Kapazitäten und Engpässe sichtbar, die Produktion lässt sich besser planen und das Unternehmen kann schneller auf Planabweichungen reagieren. In der Praxis bedeutet das: Die Grobplanung wird in der Arbeitsvorbereitung gemacht, die Feinplanung übernimmt der Meister vor Ort. Zu Anfang eines neuen Auftrags wird dazu zunächst die Auftragsnummer eingegeben, das System liefert dann eine Arbeitsfolge aus. Stimmt der Fertigungsverantwortliche dem Ablauf zu, wird ein Vorschlag über die produzierende Menge erstellt, der ebenfalls bestätigt werden muss. Sobald der Auftrag erledigt ist, steht noch eine finale Bestätigung an. Wird der Auftrag dagegen unterbrochen, bleibt die noch erforderliche Restmenge im System. Das vermeidet unter anderem Überbuchungen bei Mengenanforderungen.

Zusammenspiel von Personal- und Auftragszeiten

Daneben erleichtert die BDE-Lösung der Produktionsleitung auch das Aufspüren unproduktiver Personalnebenzeiten. Hierzu werden die in der Software frei definierbaren Zeitmodelle so genutzt, dass für jede nicht einem Kundenauftrag zugeordnete Aufgabe eines Werkers ein Gemeinkostenauftrag angelegt wird. Dazu zählen beispielsweise Sonderaufgaben, Versuche, Reparaturen, Reinigung und sogar Raucherpausen. Auf diese Weise werden die Personalzeiten mit den Auftragszeiten verknüpft, was sowohl der präzisen Aufwandsermittlung als auch dem gezielten Senken von Nebenzeiten zugute kommt. Insgesamt ist die Betriebsdatenerfassung für die Verantwortlichen bei Dr. Schnabel so inzwischen zu einem wichtigen Werkzeug geworden, das die Produktionsabläufe mit den vielen Einzelaufträgen merklich vereinfacht.