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Herausforderung für die Produktkonfiguration

Voith Paper konfiguriert seine hochkomplexen Papieranlagen weltweit per Software. Auf diese Weise werden Angebote erstellt, die bis zu 2.000 Seiten umfassen können, und Vertriebsprojekte unter internationaler Beteiligung abgewickelt.

Bild: Voith Paper

Voith Paper ist der weltweit größte Allrounder unter den Herstellern von Papiermaschinen. Dabei spricht man in Heidenheim, dem Stammsitz des Traditionsunternehmens, nicht von Papiermaschinen, sondern von Papierfabriken. Das Unternehmen versteht sich als Systemlösungsanbieter. Denn die Anlagen müssen das gewünschte Papier langfristig wirtschaftlich und ökologisch unbedenklich produzieren. Außerdem schafft Voith auch das gesamte Umfeld für den Betrieb – bis zu den Umkleidekabinen für die Papiermacher.

Bis zu 5.000 Funktionsklassen

Die Investitionskosten für eine Papierfabrik bewegen sich in derart hohen Regionen, dass niemand eine intakte Maschine durch neuere ersetzt. „Wir leben nur vom Wandel und Wachstum“, sagt Thomas Martin, Prozessmanager bei Voith Paper. Neue Märkte entstehen, beispielsweise in China, und die Anforderungen in den Industrieländern ändern sich: Der Onlinehandel steigert die Nachfrage nach Verpackungspapieren, während der Bedarf an Zeitungspapier zurückgeht. Bei Voith werden Maschinen für alle Papiersorten und Einsatzorte seit Mitte der 90er-Jahre auf einer Plattform entwickelt. Rund 5.000 Funktionsklassen enthält die Wissensbasis. Ein Prozessschritt in der Papierherstellung, etwa die Trockenpartie, wird als Modul zusammengefasst und besteht aus mehreren Klassen in Form von Baugruppen.

Exakte Vorkalkulation

Seit März 2011 dient der Produktkonfigurator der Stuttgarter Camos GmbH als Wissensbasis. Auf der Konfiguration basiert die Vorkalkulation, deren Genauigkeit in der Regel bei ein bis zwei Prozent liegt. Martin erklärt: „Mit der Software kalkulieren wir extrem nah an den tatsächlichen Kosten. Da es sich dabei um meist achtstellige Summen handelt, sind unsere Kunden und wir auf eine verlässliche Kostenplanung angewiesen.“ Zu den einzelnen Produktnummern sind neben Kosten auch Texte hinterlegt. So entstehen Angebote, die etwa 2.000 Seiten umfassen.

Bevor es zum Auftrag kommt, wird jede Seite in Original und Kopie von den Partnern einzeln geprüft und abgezeichnet. Die Vorprojekte kosten den Auftraggeber bis zu zwei Prozent der Gesamtsumme. Dabei handelt es ich um reine Beratungsleistungen. Schließlich geht es um komplexe Gesamtprojekte, die 50 Prozent Fremdkosten enthalten: Bis zu 2.000 Personen arbeiten auf einer Baustelle, wenn eine neue Papierfabrik entstehen soll. Lediglich 100 bis 150 von ihnen sind Voith-Mitarbeiter. „Seit wir unsere Projekte weltweit verbindlich mit der Konfigurationssoftware planen, konnten wir die Qualität noch einmal steigern. Alle Vertriebs-Projektleiter und deren Projektmitarbeiter arbeiten nach einheitlichen Standards mit demselben Angebotssystem“, sagt Martin.

Projektierung mit System

Dabei setzt das Unternehmen nicht zuletzt auf regionale Kompetenz, beispielsweise hinsichtlich regionaler Zuliefermärkte sowie Preise und Infrastruktur: „Wir entwickeln auch ein auf die Region abgestimmtes Energiekonzept und sorgen dafür, dass die Infrastruktur steht, wenn die Produktion aufgenommen wird“, erklärt der Prozessmanager. Sowohl während der Vertriebsphase als auch bei der Überführung der verkauften Anlage in den Abwicklungsprozess profitiert Voith von der Software. Die Projektqualität sowie die Geschwindigkeit bei der Überführung in die Abwicklung sind gestiegen. „Unsere Applikationsingenieure, Einkäufer und Projektmanager sitzen oft in unterschiedlichen Ländern. Heute haben wir eine Lösung mit klar definierten Workbenches. Wird allerdings die Gesamtmaschine bearbeitet, sind Eingriffe an einzelnen Modulen schlicht nicht möglich, sonst verlieren wir die Wissensintegrität. Unser Angebotstool dient uns zugleich als Projektmanagementsoftware, Projektbudgetplanungs- und Projektcontrollingtool. Denn eines verstehen Anlagenbauer für die Papierindustrie in jedem Fall: effizient einzukaufen und zu produzieren“, konstatiert Martin.


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