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Echtzeitkommunikation für verteilte Standorte

Weltweites Lieferantenmanagement in der Cloud

Innenausstattungen von Inteva finden sich in vielen Fahrzeugen. Der Automobilzulieferer sah sich nach seiner Ausgliederung aus der Delphi-Gruppe vor die Herausforderung gestellt, sein ERP-System innerhalb nur eines Jahres abzulösen. Das ehrgeizige Projekt gelang nicht zuletzt durch den Einsatz einer Online-Lösung. Etliche der 2.500 Lieferanten sind seitdem direkt an die ERP-Prozesse des Unternehmens eingebunden. Das gestattet durchgehenden Abläufe von der Supply Chain bis hin zu Echtzeitinformationen aus allen Fertigungsbereichen.

Bild: Inteva

Inteva Products, eine ehemalige Delphi-Konzernsparte, fertigt als weltweit aktiver Tier-One-Automobilzulieferer hauptsächlich Systeme für die Innenausstattung wie Cockpits, Schließsysteme und Fensterheber. Die IT-Infrastruktur von Inteva bestand 2008 aus diversen ERP-Versionen und Datenbanken, kundenspezifische Lösungen erschwerten die Zusammenarbeit. Mit dem Ziel in kurzer Zeit die Flexibilität der eigenen Prozesse zu erhöhen sowie Betriebskosten und Administrationsaufwand drastisch zu senken, entschied sich das Unternehmen für die Einführung einer integrierten ERP-Lösung.

Die Entscheidung für die web-basierte Lösung Plex Online bedeutete für Inteva eine Abkehr von Anpassungen durch die eigene IT-Abteilung, denn das System stellt relevante Funktionen per Browser bereit. Funktionale Anpassungen werden über Änderungen der Kernsoftware zur Verfügung gestellt, wodurch Versionssprünge und Customizing entfallen. Die Vorteile einer zentral vorgehaltenen Software zeigt das internationale Lieferantenmanagement. Hier sollten die Geschäftsbeziehungen zu etwa 2.500 Firmen auf eine neue Basis gestellt werden.

Zulieferkette im internationalen Online-Verbund

Zur Überwachung der Lieferantenqualität setzte Inteva bisher auf eine Kombination aus ERP-Informationen und Daten aus Standalone-Anwendungen. Ein effizientes Lieferanten-Qualitätsmanagement war damit kaum möglich. „Es war immer sehr aufwendig, unsere Lieferantendaten so auszuwerten, wie wir es wollten. Die Daten, die wir brauchten, standen nicht immer im benötigten Format zur Verfügung. Also mussten wir Daten redundant erfassen und in ziemlich vielen Schritten von Hand nachbearbeiten. Durch unseren großen Lieferantenpool, die unterschiedlichen Adressen und weltweit verteilten Standorte wurde dieser Prozess noch einmal komplizierter“, erläutert Ben Stewart, EDV-Verantwortlicher für die Unternehmenssysteme. Auch bei der Handhabung von Qualitätsmängeln, verspäteten Lieferungen und Pflichtverletzungen von Lieferanten zeigten sich die Grenzen der bisherigen Vorgehensweise. Erin Clemente, verantwortlich für die Lieferanten-Qualitätssicherung, kommentiert: „Bei jedem Problem mit einer Lieferung gingen Dutzende E-Mails hin und her. Bei 350 Lieferanten allein für Produktionsmaterial kann man sich vorstellen, was für einen Aufwand das bedeutet.“

Automatisiertes Lieferantenmanagement

Um das komplexe Lieferantenmanagement besser in den Griff zu bekommen, führte der Automobilzulieferer das webbasierte Lieferanten-Qualitätsmanagement (SQM) des ERP-Anbieters ein. Im SQM-Portal stehen nun jederzeit die Anforderungen der einzelnen Werke sowie Qualitätsstandards, Einkaufsbedingungen und Abläufe für die Zulieferer bereit. Bei Qualitätsmängeln kann Inteva die Einzelheiten über das System direkt an den Lieferanten melden und gleichzeitig die Kosten für Sortierung, Ausschuss, Fracht und Produktionsausfälle dokumentieren. Clemente erklärt: „Probleme werden über Plex Online jetzt automatisch erfasst und weitergeleitet und müssen nicht mehr zeitaufwändig von Hand bearbeitet werden.“

Datenaustausch ohne umfangreiche Software-Installation:?Eine webbasierte ERP-Lösung erleichtert die Anbindung von Abteilungen und Lieferanten in das Produktionsnetzwerk.

Vorteile für Bewertung und Abläufe

Ein weiterer Vorteil für Inteva ist die Systemfunktion zu Lieferantenbewertung. Das Modul erfasst unter anderem Beschwerden, Ausschussmenge und Produktionsausfälle. Auch hier hebt Clement den gesunkenen Verwaltungsaufwand hervor: „Jetzt sehen wir auf Knopfdruck, wie viele Probleme in einem Monat angefallen sind, die Mängelmeldungen fließen direkt in die Bewertung ein. Außerdem dokumentieren wir, ob die Probleme Auswirkungen auf unsere Kunden hatten.“ Die Bewertungsdaten werden vom System erzeugt und helfen dem Unternehmen auch bei Lieferanten-Audits im Rahmen von Regelwerken wie ISO/TS 16949. Neben der besseren Kommunikation mit Zulieferern profitiert der Automobilzulieferer auch vom IT-gestützten Überblick zu den Ereignissen in der Lieferkette. Wird ein Problem erkannt, erhalten Lieferant und Ansprechpartner bei Inteva eine Meldung. Dadurch kann das Unternehmen schneller reagieren – ein deutlicher Vorteil gegenüber der alten ERP-Lösung. Welche Mitarbeiter benachrichtigt werden, regelt ebenfalls das IT-System: Der Lieferant erhält eine Problemmeldung, auf die er antworten kann. Der Bearbeiter prüft die Antwort mitsamt Gutschriften oder Verrechnungen, um sie anschließend zu bestätigen oder abzulehnen.

Integration ohne aufwändige EDI-Schnittstellen

Der Einsatz der Portallösung bietet auch ‚kleinen‘ Unternehmen jederzeit Zugriff auf aktuelle Informationen. Im Zahlungsportal der ERP-Lösung etwa können Lieferanten einsehen, in welchem Rechnungslauf ihre Rechnungen beglichen werden. Die Kreditorenbuchhaltung wird so von Lieferantenanfragen entlastet. Automatische Bestellfunktionen stehen nun auch ‚kleineren‘ Lieferanten zur Verfügung. Über eine Bestellmaske können sie Bestellung und Versandstatus einsehen sowie Lieferavis (ASN) versenden. Diese Funktionen waren zuvor Großlieferanten mit proprietären EDI-Systemen vorbehalten. In der Summe profitiert Inteva vor allem von einem besseren Supply-Chain-Management. Mit weiteren Funktionen, etwa einem Workflow für automatische Eskalation, will das Unternehmen die Effizienz seiner Zulieferkette in Zukunft weiter steigern. Stewart erklärt: „Einer der größten Vorteile ist der direkte Informationsaustausch mit Lieferanten. Früher setzten wir auf Zusatzkomponenten außerhalb des ERP-Systems oder eigene Lösungen. Jetzt können unsere Lieferanten einfach per Browser auf die Daten zugreifen.“


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