Anzeige
Anzeige
Beitrag drucken

Entwicklung variantenreicher Systeme verbessern

Anwendungsmöglichkeiten für Feature-Modelle

Feature-Modelle werden im Konfigurationsprozess angewandt, um eine gültige Kombination von Features für eine Produktvariante zu bestimmen. Darüber hinaus können sie die Entwicklung variantenreicher Systeme unterstützen. Dies vereinfacht die Wartung und Pflege variantenreicher Systeme und erhöht die Qualität der Implementierungsbestandteile.

Bild: ©Tarey/Pixabay.com

Bild: ©Tarey/Pixabay.com

Feature-Modelle werden zur Modellierung von Variabilität in variantenreichen Systemen verwendet. Kern der Modellierung sind Features, die eine bestimmte Funktionalität für das System umsetzen und deren Anwahl/Abwahl das Verhalten generierter Systemvarianten beeinflussen. Gültige Kombinationen von Features werden im Feature-Modell über Abhängigkeiten dokumentiert, wie es das Bild unten zeigt. Das Modell enthält obligatorische Features (zum Beispiel ‘Karrosserie’) und ein optionales Feature (‘Anhängerkupplung’). Abhängigkeiten zwischen Features werden durch Gruppen (Alternative-Gruppe, Or-Gruppe) repräsentiert. So bilden die beiden Getriebeformen (Features ‘Automatik’ und ‘Schaltung’) eine Alternative-Gruppe, das heißt nur eins der beiden Features kann gewählt werden. Die Features ‘Verbrennungsmotor’ und ‘E-Motor’ bilden eine Or-Gruppe, mindestens ein Feature der Gruppe muss gewählt werden. Abhängigkeiten zwischen Features in verschiedenen Zweigen können durch logische Operatoren dargestellt werden. Für das Beispiel ergeben sich acht Systemvarianten. Zur Umsetzung variabler Bestandteile eines variantenreichen Systems werden häufig Annotationen verwendet (zum Beispiel #ifdef- #endif). Sie markieren jene Teile in der Implementierung mit einer Feature-Kombination, die variabel sein sollen. Beispielsweise sind alle Bestandteile zwischen #if E-Motor … #endif vom E-Motor abhängig. Doch Annotationen werden nicht nur für Quellcode verwendet, sondern kommen im Rahmen von Implementierungswerkzeugen für variantenreiche Systeme auch bei nicht-Code Bestandteilen zum Einsatz (Microsoft Word, Architekturmodellierung, Requirements Engineering et cetera).

Anwendungsmöglichkeiten für Feature-Modelle

Anwendungsmöglichkeiten für Feature-Modelle beruhen auf der Idee, dass das Modell nicht nur einen Dokumentationszweck hat, sondern in Repräsentationsformen überführt werden kann, die verschiedene Anwendungsmöglichkeiten erlauben. Für Feature-Modelle sind solch eine Repräsentationsform Boolesche Formeln. Features werden durch Boolesche Variablen repräsentiert und die Zusammenhänge zwischen Features durch logische Operatoren (‘und’, ‘oder’, ‘nicht’). Gemeinsam erlauben Variablen und Operatoren eine Eins-zu-eins Repräsentation der Bedeutung des Feature-Modells.

Bild: Method Park

Vereinfachtes Feature-Modell für ein Auto. (Bild: Method Park)

Aufdecken von Konfigurationsdefekten

Zur Identifikation von Konfigurationsdefekten werden Annotationen von Implementierungsbestandteilen gegen das Feature-Modell geprüft. Ein Konfigurationsdefekt ist eine ungültige Feature-Kombination, die mit Blick auf die Repräsentation als Boolesche Formel nicht erfüllbar ist. Die Prüfung auf Konfigurationsdefekte erlaubt die Identifikation von Widersprüchen. Beispielsweise ist die Annotation ‘E-Motor’ und ‘Schaltung’ ungültig, weil das Feature ‘E-Motor’ nur zusammen mit dem Feature ‘Automatik’ verwendet werden darf. Darüber hinaus können Konfigurationsdefekte in der Implementierung identifiziert werden. Dazu folgendes Beispiel: Gegeben sind zwei Requirements R1 und R2, die einen Ausschnitt einer Systemspezifikation dokumentieren.

  • R1: The car should accelerate to 100km/h in 5 seconds.
  • R2: The system should have an electric engine. (#if E-Motor)

Weiterhin ist dokumentiert, dass R1 von R2 (‘depends on’) abhängt. Wenn Feature ‘E-Motor’ für eine Systemvariante nicht ausgewählt und dadurch R2 gelöscht wird, kann der ‘depends on’-Link zwischen den beiden Requirements nicht mehr erfüllt werden. Folgender Defekt könnte angezeigt werden: Der Link R1 ‘depends on’ ist ohne Ziel. Dieser Ansatz lässt sich auf andere Implementierungsbestandteile übertragen (zum Beispiel Quellcode oder Architektur).

ANZEIGE

Reduktion des Testaufwands

In der Regel übersteigt der Aufwand für das Testen von Systemvarianten einer Produktlinie die zur Verfügung stehenden Ressourcen um ein Vielfaches, da das Testen aller Systemvarianten praktisch unmöglich ist. Um den Testaufwand zu reduzieren, lässt sich mittels des Feature-Modells eine Teilmenge der Systemvarianten automatisch erstellen. Um beispielsweise sicherzustellen, dass ein Fehlerzustand nicht von einem Feature abhängt, müssten folgende zwei Varianten getestet werden, in denen jedes optionale Feature mindestens einmal an- und einmal abgewählt ist:

  • Variante 1: ‘Auto’, ‘nicht Anhängerkupplung’, ‘Karosserie’, ‘Motor’, ‘E-Motor’, ‘Automatik’, ‘nicht Schaltung’, ‘Getriebe’, ‘nicht Verbrennungsmotor’
  • Variante 2: ‘Auto’, ‘Anhängerkupplung’, ‘Karosserie’, ‘Motor’, ‘nicht E-Motor’, ‘nicht Automatik’, ‘Schaltung’, ‘Getriebe’, ‘Verbrennungsmotor’

Auf dieser Grundlage lassen sich Mengen von Systemvarianten auch für andere Kriterien definieren, zum Beispiel die Berücksichtigung von Feature-Kombinationen, das heisst alle Zweier- oder Dreier-Kombinationen (Pair-wise beziehungsweise Triple-wise). Auch bei steigender Variantenzahl kann man für alle generierbaren Systemvarianten gesicherte Aussagen treffen: „Jedes Feature/alle paarweisen oder dreifachen Feature-Kombinationen sind erfolgreich getestet.“ Für die drei Kriterien Feature-wise, Pair-wise und Triple-wise müssen im Beispiel zwei, sechs beziehungsweise acht Systemvarianten getestet werden.

Bild: Method Park Holding AG

Spider Chart und Bubble Chart zur Visualisierung von Variabilität und nicht-funktionaler Eigenschaften. (Bild: Method Park Holding AG)

Unterstützung der Impact Analysis

Variabilitätsinformationen des Features-Modells können die Durchführung einer Impact Analysis unterstützen. Falls ein Fehler in variablen Implementierungsbestandteilen auftaucht, dient die zugrundeliegende Annotation dafür als Ausgangspunkt. Angenommen, ein Fehler tritt in der Feature-Implementierung von ‘E-Motor’ auf. Basierend auf den definierten Abhängigkeiten im Feature-Modell lassen sich folgende Aussagen ableiten:

  • Der Fehler steht möglicherweise im Zusammenhang mit Feature ‘Automatik’.
  • Der Fehler steht nicht im Zusammenhang mit Feature ‘Schaltung’, weil Feature ‘E-Motor’ und Feature ‘Schaltung’ nicht zusammen gewählt werden können.

Für komplexere Feature-Modelle mit einer größeren Feature-Anzahl und mehr Abhängigkeiten ergeben sich meist weitere Aussagen. Auch bei der Absicherung eines Fehlers lassen sich Testaufwände reduzieren. Zum Sichern der Systemvarianten müssen unter Berücksichtigung von Feature E-Motor für die zuvor definierten Kriterien Feature-wise, Pair-wise und Triple-wise zwei beziehungsweise vier Systemvarianten getestet werden. Dies entspricht einer weiteren Testaufwandsreduktion von bis zu 50 Prozent.

Bild: Method Park Holding AG

Um nicht-funktionale Eigenschaften angereichertes Feature-Modell. (Bild: Method Park Holding AG)

Bestimmung von Produktkonfigurationen

Während Features eines Features-Modells funktionale Eigenschaften eines Gesamtsystems berücksichtigen, gibt es bei der Wahl einer richtigen Systemvarianten häufig weitere Eigenschaften, die eine Rolle spielen. Diese Eigenschaften sind meist nicht-funktional und können keinem Feature im Sinne des Gesamtsystems zugeordnet werden. Typische nicht-funktionale Eigenschaften sind: Kosten (costs), Leistungsfähigkeit (perf), Gewicht (weight). Falls existierende Feature-Modelle mit nicht-funktionalen Eigenschaften angereichert werden, können Systemvarianten erstellt werden, die hinsichtlich dieser nicht-funktionalen Eigenschaften optimiert sind (zum Beispiel Minimierung der Kosten und Gewicht bei gleichzeitiger Maximierung der Leistungsfähigkeit unter Berücksichtigung von Variabilität). Während der Einsatz von Feature-Modellen in der Praxis etabliert ist – man denke an die Konfiguratoren, die alle Autobauer dem Kunden auf ihren Webseiten anbieten – gewinnt die Entwicklung hochvariabler Systeme in vielen Branchen an Bedeutung. Die genannten Anwendungsmöglichkeiten für Feature-Modelle unterstützen diese Entwicklung, indem die Vielzahl vom Kunden geforderter Varianten durch eine variantenreiche Systementwicklung abgedeckt wird. Diese Entwicklung erlaubt die Bereitstellung einer Fülle von Systemvarianten – bei einer gleichzeitig sehr hohen Qualität.


Das könnte Sie auch interessieren:

Individuelle Kundenwünsche beeinflussen zunehmend die Produktion. Mit der Verbindung von Verkaufs- und Produktionskonfiguration lässt sich die Komplexität einer variantenreichen Fertigung in den Griff bekommen.‣ weiterlesen

52 Prozent der Unternehmen wollen ihre Ausgaben bezüglich der digitalen Transformation erhöhen. Dies hat der Business-Software-Anbieter IFS in einer Studie ermittelt für die weltweit mehr als 3.032 Führungskräfte befragt wurden.‣ weiterlesen

Die Bekuplast-Unternehmensgruppe produziert Mehrweg-Transportverpackungen aus Kunststoff. Seit 2019 dient ein Enterprise-Content-Management-System (ECM) von ELO als Grundlage, zentrale Geschäftsprozesse zu automatisieren und mit den IT-Systemen zu verzahnen.‣ weiterlesen

Bosch Rexroth gibt einige Veränderungen in der Geschäftsführung bekannt. Unter anderem tritt Filiz Albrecht die Nachfolge von Christoph Kübel an, der zum Jahresende in den Ruhestand geht.‣ weiterlesen

Der Solution Manager von SAP stand lange im Ruf, nicht das Organisationsgenie unter den Business-Anwendungen zu sein. Doch der Hersteller hat in Version 7.2 viel am Werkzeug verbessert. Der Produzent von Lebensmittelzutaten Döhler hat daher den SolMan von SAP mit dem BPM-Tool Aeneus verknüpft, um die Gestaltung von mehr als 2000 Geschäftsprozessen zentral und nachhaltig zu strukturieren.‣ weiterlesen

In einer weltweiten Studie haben TÜV Rheinland und das Marktforschungsinstitut Ponemon untersucht, wie es um die Cybersicherheit von Industrieanlagen bestellt ist. Demnach ist die Operational Technology besonders gefährdet.‣ weiterlesen

Mit dem stärksten jemals gemessenen Anstieg hat sich der Ifo-Geschäftsklimaindex im Juni im Vergleich zum Vormonat etwas erholt. Er liegt nun bei 86,2 Punkten.‣ weiterlesen

Unternehmenswachstum sorgte bei der Penn GmbH für ein Umdenken in der Unternehmensstrategie. Mit der Implementierung eines Manufacturing Execution Systems wollte man etwa Excel-Listen in der Produktionsplanung ablösen. Mit der MES-Lösung von Proxia gelang es sogar, die Anlagenverfügbarkeit auf fast 100 Prozent zu steigern.‣ weiterlesen

Im vergangenen Jahr haben 76 Prozent der Unternehmen Rechenleistung aus der Cloud in Anspruch genommen. Dies geht aus einer Studie von Bitkom Research im Auftrag von KPMG hervor.‣ weiterlesen

Schneider Electric möchte seine gruppeninternen Kompetenzzentren für Schlüsseltechnologien stärken. Mit einem weiteren Ausbau des Standortes Marktheidenfeld wird dieser Weg nun fortgesetzt.‣ weiterlesen

Die überwiegende Zahl der Maschinenbauer ist zuversichtlich, mittelfristig auf das nominale Umsatzniveau von 2019 zurückzukehren. So lautet die Kernbotschaft der sechsten VDMA-Blitzumfrage zur Corona-Pandemie, an der 658 Unternehmen teilnahmen.‣ weiterlesen

Anzeige
Anzeige
Anzeige