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Montag, 27.02.2017  

Digitale Transformation

Hürden für den Mittelstand

In den letzten 20 Jahren haben sich Informationstechnologie (IT) und Internet als Motor der Wirtschaft erwiesen. Dabei hat die digitale Transformation nach den Geschäftsprozessen längst die Geschäftsmodelle erfasst. Selbststeuernde Maschinen und Produktionsprozesse und ganze vernetzte Wertschöpfungsketten werden möglich. Ist das bereits im Mittelstand angekommen? Und welche Hürden müssen mittelständische Unternehmen nehmen, um die neuen Möglichkeiten zu nutzen?


Bild: ©Christos Georghiou/Fotolia.com

Unter digitaler Transformation versteht man einen auf IT-basierten Technologien begründeten Veränderungsprozess, der die gesamte Gesellschaft und insbesondere die Unternehmen in ihrem Wertschöpfungsprozess betrifft. Grundlage sind Technologien, die in einer immer schnelleren Abfolge erstellt werden und den Weg für wieder neue Technologien ebnen. Nicht nur Infrastrukturen wie Netze und Hardware, sondern auch Programme, Apps und mobile Endgeräte treiben diesen Prozess voran. Mittelständische Unternehmen lassen sich zuweilen wie folgt definieren: Firmen mit maximal 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei höchstens 50 Millionen Euro Umsatz. Der Mittelstand nach dieser Definition umfasst rund 99 Prozent aller Unternehmen mit insgesamt rund 60 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland. Der Beitrag der mittelständischen Unternehmen für die Bewältigung der digitalen Transformation ist somit von größter Bedeutung.

Wo die digitale Transformation greift

Die Digitalisierung der Prozesse mit Kunden und Lieferanten ist mit dem Einsatz von eCommerce-Systemen (Webshops) und von Beschaffungsportalen bereits vielerorts Realität. Auch der elektronische Belegaustausch zwischen Unternehmen bei der Bestellung, Auftragsbestätigung, Lieferavis und Rechnung ist ein Anwendungsfall, der heute häufig auf Techniken wie EDI basiert. Sehr häufig werden noch Schnittstellen verwendet, die nicht auf Standards basieren. Eine Stufe weiter ist der automatisierte elektronische Informationsaustausch zum Auftragsfortschritt und Verfügbarkeiten direkt zwischen IT-Systemen und auch zwischen Maschinen über Unternehmensgrenzen hinweg. Ein Industrie 4.0-Szenario ist etwa eine Maschine, die eine Meldung bekommt, dass Material verspätet eintrifft und dann zusammen mit der MES-Anwendung die Auftragsreihenfolge umplant. Falls dadurch der Liefertermin des eigenen Produktes verschoben werden muss, steht diese Information sofort zur Verfügung. Unter Laborbedingungen sind solche Anwendungsfälle bereits in einer auch für den Mittelstand geeigneten Form Realität.

MES und ERP-System vernetzt

In der Fertigung werden die Maschinen mit den steuernden Systemen wie MES und ERP-System vernetzt. Immer mehr planerische und steuernde Tätigkeiten werden automatisiert von IT-Systemen erledigt. So meldet die Maschine anfallende Wartungen früh und löst deren Planung aus. Der Maschinenstillstand während der Wartung wird sofort in der Produktionsplanung berücksichtigt. Der Fertigungsplaner muss nur noch bei Ausnahmesituationen eingreifen und manuelle Entscheidungen treffen. Die Digitalisierung der Prozesse im Unternehmen betrifft aber auch Bürotätigkeiten. Papierbasierte Prozesse werden durch elektronische Prozesse abgelöst. Hierbei ist als Beispiel die vollelektronische Eingangsrechnungsbearbeitung zu nennen, wie sie mit ERP-System und Dokumentenmanagementsystem bereits heute in vielen mittelständischen Unternehmen umgesetzt wird.

Hürden und Herausforderungen

Um solche Anwendungen zu realisieren, müssen Unternehmen verschiedene und individuelle Hürden überwinden. Gleichzeitig sollten die organisatorischen Veränderungen im Unternehmen in ihrer Komplexität nicht unterschätzt werden. Die beteiligten Systeme wie Maschine, CAD/CAM-Systeme, MES-Lösung, ERP-Anwendung und die Systeme der Lieferketten müssen über Schnittstellen bedarfsgerecht integriert werden. Dabei verursachen fehlende Bausteine regelmäßig höheren Aufwand bei der Einrichtung fortgeschrittener Systeme: Maschinen ohne ausreichende Kommunikation, keine MES-Funktionen auf dem Shop Floor, kein passendendes ERP-System sowie Mängel im unternehmensübergreifenden elektronischen Datenaustausch.

Sichere und zuverlässige IT-Systeme

Für die Anbindung der Firma nach außen ist eine sehr zuverlässige Internetverbindung mit mindestens zehn Megabit/Sekunde erforderlich. Im ländlichen Raum ist dies noch längst nicht selbstverständlich. Mit dem Grad der Digitalisierung steigt die Abhängigkeit von den IT-Systemen rasant. Beim Ausfall einer Komponente kommt unter Umständen das gesamte System zum Stehen. Daher muss die Hochverfügbarkeit der IT-Systeme sichergestellt werden. Zudem muss die IT-Sicherheit durch passende Maßnahmen auf einem passend hohem Niveau gehalten werden. Gerade was die führenden ERP-Systeme betrifft, gilt es die Stammdatenqualität im Auge zu behalten. Diese bildet die Grundlage für die Funktionstüchtigkeit selbststeuernder Prozesse.

Mehr Bedeutung der Prozessdaten

Die Bedeutung von Prozessdaten steigt. Auf der anderen Seite werden künftig viele der Daten (Materialverbrauch, Auftragsfortschritt) von den Maschinen automatisch geliefert, die heute noch per BDE gemeldet werden müssen. Die anfallenden Datenmengen müssen verarbeitet, wichtige von unwichtigen unterschieden werden. Da es an vielen Stellen noch an standardisierten Schnittstellen mangelt, entstehen hohe Kosten für die Implementierung notwendiger Schnittstellen und Änderungen sind aufwendig, wenn neue Protokolle eingebunden werden.

Mit der Digitalisierung können Prozesse zwar komplexer werden, doch gleichzeitig helfen die Systeme bei der Bewältigung der Abläufe. Der nachgelagerte Vorteil der Wettbewerbsfähigkeit überwiegt. Bild: Avista ERP Software GmbH & Co. KG


Das Bewusstsein wächst

„Die Digitalisierung der Wirtschaft nimmt Fahrt auf“, sagte Bitkom-Präsident Thorsten Dirks zur Eröffnung der Cebit 2016 in Hannover. So geben in einer Umfrage 64 Prozent der Unternehmen an, dass sich infolge der Digitalisierung ihr Geschäftsmodell verändert. Im Vorjahr waren es noch 55 Prozent. 72 Prozent der befragten Geschäftsführer und Vorstände sehen im digitalen Wandel eine Herausforderung für ihre Unternehmen – damit ist es das Top-Thema hinter der Sicherung des Fachkräftebedarfs (73 Prozent). Knapp neun von zehn Befragten betrachten die Digitalisierung eher als Chance für ihr Unternehmen statt als Risiko. Und nur drei Prozent sagen, dass die Digitalisierung gar keinen Einfluss auf ihr Unternehmen hat.

Mit kleinen Schritten anfangen

Der Autor Ulrich Reinbeck ist Geschäftsführer der Avista ERP Software GmbH & Co. KG.

Es gibt Handlungsbedarf, denn eine Folge der Digitalisierung sind veränderte Wettbewerbsbedingungen. Gut die Hälfte der Unternehmen beobachtet der Umfrage zufolge bereits, dass Wettbewerber aus der Digitalbranche in ihren Markt eintreten. In der Praxis werden Digitalisierungsprojekte in mittelständischen Unternehmen häufig durch Anforderungen einzelner wichtiger Geschäftspartner getrieben. Eine übergreifende Strategie zur digitalen Transformation ist oft nicht vorhanden. Befürchtet werden insbesondere teure Fehlinvestitionen in digitale Technologie. Dabei können überschaubare Digitalisierungsprojekte wie die Integration eines eCommerce-Systemes oder die Einführung einer elektronischen Eingangsrechnungsbearbeitung schon der Einstieg in den Transformationsprozess sein. Mit den dort gewonnen Erfahrungen können größere Projekte angegangen werden.

Der Autor Ulrich Reinbeck ist Geschäftsführer der Avista ERP Software GmbH & Co. KG.
Internet: www.avista-erp.de   


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