Schnittstelle zwischen Mensch und Software
Weicher Faktor ... handfeste Effekte
Anders als Laufzeitverhalten, Funktionalität und Wartungsfreundlichkeit galt die Ergonomie von Software lange Zeit als 'weiches' Qualitätskriterium. Grafische Benutzerschnittstellen jedoch, die arbeitspsychologisch fundiert gestaltet und auf den jeweiligen Aufgabenkomplex optimal zugeschnitten sind, können Produktivität und Arbeitsergebnisse deutlich verbessern. Vom Design der Oberfläche hängt zudem ab, wie viel Spaß die Softwarenutzung macht. Ebenfalls ein weicher Faktor " aber einer, der die Motivation der Mitarbeiter steigert und ihre Bindung an das Unternehmen festigt.
In den Anfangsjahren der IT war der Computer ein elitärer Gegenstand. Wer ihn bedienen wollte, musste ein Experte sein. Nur wenige verstanden die kryptischen Zahlen- und Zeichenreihen, die auf Monitoren flimmerten. Programmierer dachten seinerzeit hauptsächlich an den korrekten Output und daran, dass die gewünschten Ergebnisse nicht allzu lange auf sich warten ließen.
Bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein spielte Ergonomie für Softwareentwickler nur selten eine Rolle. Das änderte sich grundlegend mit der massenhaften Verbreitung von PCs. Der Anwenderkreis wuchs über den Spezialisten-Zirkel hinaus. Nun wurde es wichtig, dass beispielsweise auch eine Sekretärin ohne Informatikstudium ein Textprogramm bedienen konnte. Beträchtlichen Auftrieb erhielt die Computerausbreitung schließlich durch das Aufkommen grafischer Benutzeroberflächen (GUI - Graphical User Interface) wie Microsoft Windows oder MacOS.
Gebührende Priorität für Benutzerfreundlichkeit
Heute sind Computer in praktisch jedem Lebensbereich allgegenwärtig, und ergonomisches Design ist zu einer zentralen Aufgabe im Software-Engineering geworden. Arbeitnehmer haben inzwischen sogar einen gesetzlich verbrieften Anspruch auf ergonomische Softwaregestaltung - festgeschrieben unter anderem in der Bildschirmarbeitsverordnung, kurz BildscharbV. Doch auch jenseits rechtlicher Vorgaben handeln Unternehmen im ureigensten Interesse, wenn sie bei der Anschaffung von Software die Benutzerfreundlichkeit als Auswahlkriterium mit gebührender Priorität berücksichtigen.
Denn einfache Bedienung, schnelle Übersicht über Menüs und sinnvolle Gruppierung von Funktionen fördern die Akzeptanz bei Mitarbeitern und kürzen Einarbeitungszeiten ab. Die neue Software bringt schneller die gewünschten Effekte, was zu einem schnelleren Return on Investment (ROI) beiträgt. Im Gegenzug werden Kosten und Produktivitätsverlust aufgrund von Schulungsmaßnahmen minimiert. Und dies gilt keineswegs allein für Textverarbeitungs- und andere Office-Software, sondern in gleicher Weise z.B. auch für die dezentrale Betriebsdatenerfassung (BDE) im Produktionsumfeld.
Einfluss auf die Produktivität von BDE-Prozessen
Egal, ob dafür im konkreten Fall stationäre oder mobile Terminals im Einsatz sind - bei der Gliederung von Menüstrukturen geht der Trend eindeutig in Richtung dynamischer, individualisierter Funktionsgliederung. Das bedeutet, dass die am häufigsten genutzten Features zuerst angeboten werden und damit auf kürzestem Weg erreichbar sind. Verwirklicht wurde dieses Konzept bspw. im Manufacturing Execution System (MES) adicom von Freudenberg IT.
Einfache Bedienung, schnelle Übersicht über Menüs und sinnvolle Gruppierung von Funktionen fördern die Akzeptanz bei Mitarbeitern und kürzen Einarbeitungszeiten ab. Die neue Software bringt so schneller gewünschte Effekte, was zu einem schnelleren Return on Investment (ROI) beiträgt.
Ein weiterer Ergonomie-Aspekt, der erheblichen Einfluss auf die Produktivität von BDE-Prozessen hat, ist die optimale Integration von Prüfroutinen zur Erkennung von Eingabefehlern. Hier gilt: Je früher automatische Plausibilitätskontrollen ansetzen, desto weniger Stockungen kann eine fehlerhafte Eingabe verursachen. Am besten, die Software reagiert sofort. Denn der betreffende Mitarbeiter hat den jeweiligen Kontext dann noch im Kopf und kann die Eingabe ohne gedankliche oder sonstige Rekonstruktion des Zusammenhangs unmittelbar korrigieren. Überhaupt ist es ein Kennzeichen ergonomisch optimierter Software, dass sie das Kurzzeitgedächtnis der Anwender so wenig wie möglich beansprucht. Im komplexen Produktionsgeschehen gibt es schließlich tausend andere Dinge, an die ein Mitarbeiter denken muss.
Höhere Produktivität und verbesserte Datenkonsistenz dank integrierter Fehlerprüfung sind aber längst nicht alles. Ergonomische Softwareoberflächen beeinflussen darüber hinaus die Qualität von Steuerungs- und Rückmeldungsprozessen in verzahnten Produktionsabläufen. Bei der Planung etwa werden Auftragseingänge grafisch per Drag and Drop auf verfügbare Kapazitäten verteilt. Zugleich erlaubt die BDE-Software eine einfache Erfassung von Materialverschleiß oder Maschinenstörungen und meldet diese in Echtzeit automatisch an das Planungssystem zurück. Dort werden nun halbautomatisch Material- und Maschinenverfügbarkeit aktualisiert und gegebenenfalls Logistik- oder Wartungsaufträge generiert. Die Produktionsplanung kann ohne Verzögerung auf veränderte Situationen reagieren. Verkürzte Planungszyklen reduzieren Ausfallzeiten und sorgen für eine optimale Auslastung vorhandener Kapazitäten. Gleichwohl Software-Ergonomie weiterhin als ein 'weicher' Faktor angesehen wird - sie bringt auf jeden Fall handfeste Effekte.
Autor Sebastian Holzschuh ist Senior Consultant bei Freudenberg IT in Weinheim.
IT&PRODUCTION, 04-2010