Kostenermittlung und Qualitätssicherung
Mehr als eine Frage der Investitionshöhe
Meist geht es beim Einsatz von Maschinen- und Betriebsdatenerfassungen (MDE/BDE) um die effiziente Nutzung von Maschinen bzw. Kostenstellen. Hinter dem Einsatz solcher Kontrollmechanismen verbirgt sich aber auch die Sensibilisierung der Mitarbeiter mit dem Ziel einer Produktivitätssteigerung.
Bei Dr. Schär im Südtirolerischen Burgstall geht es mit der MDE nicht nur um die Effizienzsteigerung der Mitarbeiter. Der Hersteller glutenfreier Nahrungsmittel produziert täglich im Mutterwerk in Burgstall Brote und Mehlmischungen. Den Verantwortlichen, allen voran Christian Franzelin, IT-Manager und Georg Pircher, Produktionsleiter, ist die zuverlässige Datenerfassung, das heißt die lückenlose Dokumentation von Stördaten und die statistische Erhebung, wichtig. Zu diesem Zweck wurde bereits vor über zehn Jahren eine Maschinendatenerfassung von gbo datacomp eingeführt.

Günther Prossliner, Teamleiter (li.), Georg Pircher, Produktionsleiter (mi.) und Christian Franzelin, IT-Manager (re.) sind sich einig: "Es geht nicht nur um die Investition in ein solches System. Es muss sich in der Praxis einfach handeln lassen und messbaren Nutzen bringen."
Vor knapp zwei Jahren hat man in Burgstall die alte Anlage komplett durch die MDE-Lösung bisoft MDE .Net mit den entsprechenden Datenerfassungsterminals ersetzt. In der Hauptsache geht es darum, die Linien- bzw. Störzeiten zu ermitteln. Das heißt, die Daten werden erfasst und die Produkte nach der Dosierung in die Backstraße geschickt. Ein Terminal nach der Dosiereinheit überprüft den zeitlichen Takt der Backbleche auf dem Band. Wird über ein bestimmtes Zeitfenster kein Backblech registriert, leitet das Terminal automatisch eine unbegründete Störmeldung ein. Nach einer solchen Meldung muss der Störgrund manuell eingegeben werden. Diese Störgründe können auch über die Maschinensteuerung automatisch ermittelt und registriert werden, aber Christian Franzelin sieht die manuelle Methode als wirksam und vertretbar: "Wir hatten schon mal an die automatische Erfassung über die Maschinensteuerung nachgedacht, aber der Vorteil des gbo-Systems war für uns auch in der Einfachheit beim manuellen Bedienen zu sehen. So haben wir die Erfahrung gemacht, dass der Bäcker an der Backstraße sehr gut beurteilen kann, wo welche Störung vorliegt." Je mehr Störgrößen festgelegt werden, umso mehr müssen die Mitarbeiter unterscheiden können. Wohl auch deshalb wurden die möglichen Störgründe in der Backstraße auf die Dosiereinheit, die Teigbereitung, den Gärschrank und den Ausgang reduziert. In der Verpackungslinie sind das die Stationen Tiefziehmaschine und Roboter. Um anhand der Daten eines Fertigungsauftrags Informationen zu Lauf-, Stör-, aber auch Personalzeiten zu erhalten, sind alle Terminals vernetzt. Personalzeiten können deshalb erfasst werden, weil sich jeder Bediener an der Produktionsstraße über einen Transponder (RFID) anmeldet. Damit keine parallele Zeiterfassung erfolgen kann, meldet das System einen Bediener, der sich an einer Linie anmeldet, automatisch an der anderen Linie ab.

Je ein Terminal pro Backstraße erfasst Informationen zu Lauf-, Stör-, aber auch Personalzeiten.
Datenerfassung als Teil der ISO DIN-Zertifizierung
In MDE wird meist auch investiert, weil mehr Transparenz innerhalb der Fertigung gewünscht wird. Das ist in Südtirol nicht anders. Die Verantwortlichen wollten zuverlässig die Kosten für ein Produkt ermitteln. Allerdings - und das ist für Georg Pircher besonders wichtig -, wird das System nicht nur in der Produktion eingesetzt: "Unsere Produkte werden zunächst ja in einem Labor entwickelt. Nach der Entwicklung folgt die Testphase. Wir nennen das auch 'großtechnischer Versuch'. In diesem Versuch muss alles, was die späteren Kosten beeinflusst, wie Produktions-, Rüst- und Reinigungszeiten, erfasst werden. Aus diesem Grund ist die Datenerfassung bereits hier mit integriert und Bestandteil unserer ISO DIN-Zertifizierung." Beeinflusst werden diese Kosten später in der Produktion aber auch von Störungen. Und speziell hier ist man über die Datenanalyse indirekt produktiver geworden, denn je nach Art und Anzahl der Störungen können entsprechende Optimierungen an den Prozessen vorgenommen werden. Für Günther Prossliner, Teamleiter bei Dr. Schär, dagegen ist dieses lückenlose elekronische Logbuch gleichzeitig ein Mittel der Qualitätssicherung: "Wir erfassen über die Dosiereinrichtung die Eingangsdaten. So lässt sich am Ausgang der Verpackungslinie feststellen, welcher Ausschuss entstanden ist. Anderseits dient das System auch als Kontrolleinrichtung, denn unsere Produkte müssen innerhalb von 30 Minuten nach Verlassen der Backstraße verpackt sein, um die Keimfreiheit zu gewährleisten."

In den drei Verpackungslinien wurden die Störgründe auf die Tiefziehmaschine und den Roboter beschränkt.
Eine kaufmännische Entscheidung
Für Christian Franzelin war es eine kaufmännische Entscheidung: "Wegen einer Ringleitung des früheren Netzwerks gab es mit dem alten System gelegentlich Schwierigkeiten. Bei einer Unterbrechung hatte dann die gesamte Kommunikation ein Problem. Man wollte eine einfache und sehr zuverlässige Erfassung der Linien-, Rüst- und Personalzeiten sowie das automatische Ab- und Anmelden". Daher hat man auf TCP/IP gewechselt und in der Datenbankanbindung mit Microsoft SQL eine offene Datenbank gewählt. Die Konfiguration und Entscheidung für das System macht deutlich, worum es den Verantwortlichen primär ging: Es war ein Instrument für den Produktionsleitstand gefragt und weniger die komplexe technische Ausrichtung. Außerdem gibt Christian Franzelin zu bedenken, dass eine solche Investition nicht nur eine Frage des Budgets ist. Es geht auch um die Frage, wie es in der Praxis zu handeln ist und welchen tatsächlichen Nutzen es bringt. Die Software des Systems bietet die Möglichkeit, die Daten zu sammeln und daraus auch eine Kostenträgerrechnung zu erstellen. Die Auswertungen bzw. Betriebszeiten fließen in das Warenwirtschaftsystem ein. Obwohl es problemlos möglich wäre, ist das System nicht online mit dem ERP verbunden, denn bei fünf bis sechs Buchungen pro Auftrag ist die Eingabe kein großer Zeitgewinn.

Qualitätssicherung, denn die Produkte müs-sen innerhalb von 30 Minuten nach Verlas-sen der Backstraße verpackt sein.
Autor Manfred Lerch ist freier Redakteur in Filderstadt.
IT&PRODUCTION, 08-2009