Portalumgebungen erfordern mündige Mitarbeiter
Ohne eine genaue und termingerechte Erfassung und Abrechnung der Mitarbeiterzeiten funktioniert heute kein Unternehmen. Jedes Unternehmen lebt vom effizienten Einsatz der Mitarbeiter, die zunehmend mobil sind. Godelef Kühl, Vorstand der godesys AG, rät zu neuen Technologiekonzepten mit dezentraler Datenerfassung.
Stefanie Philipp: Herr Kühl, ein Portal zur effizienten und zentralen Arbeitsorganisation, das hört sich in der Tat nach einer adäquaten Lösung für unsere verteilte Arbeitswelt an. Wie gestaltet sich die Zukunft von Personalzeitwirtschaftslösungen, Zeiterfassung und deren Integration in ein zentrales IT-System im Umfeld der Fertigungsunternehmen?
Godelef Kühl: Zunächst ist die Frage, wie das zentrale IT-System der Zukunft aussieht. Wir bei godesys gehen davon aus, dass sich auch die betrieblichen Applikationen in der Struktur dem Netz anpassen. Wir werden eine Vielzahl verteilter und gleichberechtigter Anwendungen nebeneinander sehen, die auf unterschiedlichen Systemen laufen. Dem Anwender wird dies gar nicht auffallen, da er über ein Portal quasi seine persönliche betriebliche Anwendung nutzt. Zugleich werden die Unternehmen standardisierte Anwendungen und individuelle Elemente je nach den Bedürfnissen zur eigenen ERP-Lösung kombinieren. Das kann man aber nur in einer offenen Welt.

Godelef Kühl: "Dank offener Standards und einer mitgelieferten Anpassungsplattform gewährleisten wir die Integrations- und Anpassungsfähigkeit aller unserer Produkte."
Stefanie Philipp: In Ihrem Strategie-Papier schreiben Sie: "Wer es schafft, die Effizienz seiner Mitarbeiter zu steigern, die Prozessqualität und -geschwindigkeit zu erhöhen und gleichzeitig die Kosten zu senken, der ist auf dem Weg zum kundenorientierten Unternehmen." Wie sehen Sie den Zusammenhang zwischen einer Unternehmens-internen Informationsplattform und dem wirtschaftlichen Erfolg eines Herstellers?
Godelef Kühl: In der modernen Wissensgesellschaft stehen Informationen den meisten Marktteilnehmern zeitgleich zur Verfügung. Entscheidend ist also die Fähigkeit der Unternehmen, aus dem jeweiligen Wissen einen geschäftlichen Vorteil zu generieren und diesen zu halten. Das erklärt, warum die Schnelllebigkeit permanent zunimmt. Wenn ich mir ansehe, wieviel Zeit und Geld die meisðten Unternehmen mit der heutigen Applikationslandschaft brauchen, um einmal aufgesetzte Prozesse zu ändern, dann wage ich die These, dass die meisten Unternehmen, die sich heute für die großen Standardsysteme entscheiden, eher an Wettbewerbsfähigkeit einbüßen. In den Kosten schließen sie schlagartig zu den meisten Wettbewerbern auf, doch in den Prozessen können sie nur sehr schwer besser werden. Mit einer "Me too"-Strategie wird man aber kaum Business Excellence auf die Beine stellen.
Stefanie Philipp: Das Open Enterprise Portal bietet, so versprechen Sie, volle Web 2.0-Fähigkeiten. Was bedeutet das konkret und welche Potenziale sehen Sie für Unternehmen?
Godelef Kühl: Ein intelligent aufgebautes Unternehmensportal kann schon alleine durch verbesserte Informationsflüsse Wettbewerbsvorteile entfalten. Leider lässt sich höhere Produktivität, die aus einem verbesserten Umgang mit Informationen stammt, nur schwer einer einzelnen Maßnahme zuordnen. Wenn Sie mit Hilfe von Wikis oder internen Foren den Zugang zu Wissen strukturieren, kann das keiner messen. Versuchen wir es also mit einem konkreten Beispiel: Erfassen Sie bei der Informationsrecherche gleichzeitig Zeiten, die Sie Projekten zuordnen, können Sie einen konkreten Nutzen ermitteln. Aktuell werden aber in den Betrieben noch mehr als 90\% aller geleisteten Zeiten in Inselsystemen zeitversetzt oder sogar nur papiergebunden erfaßt. Wenn Sie das auf eine Portallösung umstellen, gewinnen Sie nicht nur Informationen schneller, sondern können das gewonnene Wissen auch einfach transparent machen. Und für die Organisation schafft der schnellere Durchlauf zumeist auch einen Zinsvorteil in der Abrechnung.
Stefanie Philipp: Wir unterhalten uns hier über visionäre Ansätze, die bereits greifbar sind. Dabei sehe ich das größte Hindernis bei der Umsetzung neuer Technologiekonzepte im Faktor Mensch. Open Source, Portale und Web 2.0 verlangen nach mündigen und geschulten Mitarbeitern im Umgang mit Internet-Technologie. Wird beispielsweise ein mittelständisches Produktionsunternehmen nach wie vor mit einem EDV-Administrator auskommen? Welche Kompetenzen werden gefragt sein?
Godelef Kühl: Zum einen unterstelle ich, dass die meisten Mitarbeiter heute über ihre konkreten Aufgaben mehr wissen als das Management. Zum anderen nutzen die meisten von uns heute bereits Portale, wie andere Webseiten auch, ohne zuvor lange Lernphasen zu durchlaufen. Wer seinen Flug online bucht, kann auch seine Arbeitszeit erfassen. Auch in der Administration haben die Lösungen dank offener Standards erhebliche Vorteile. Entscheidend ist vielmehr, dass das Management begreift, dass Strategie und IT nicht mehr voneinander zu trennen sind. Neue, erfolgreiche Geschäftsmodelle basieren auf geschickter Umsetzung von Technologie. Für die Unternehmen und ihre Manager ändern sich also die Werkzeuge und Methoden, mit denen sie direkten Einfluss auf ihre Wettbewerbsfähigkeit nehmen können. Es ist das Wesen der Wissensgesellschaft, dass nicht die Höhe der Investition, sondern die Umsetzung über den Erfolg entscheidet.
Stefanie Philipp: Wie kann Open Source Software dazu beitragen, ein flexibles IT-Backbone im modernen Unternehmen zu unterstützen?
Godelef Kühl: Dank offener Standards und einer mitgelieferten Anpassungsplattform gewährleisten wir die Integrations- und Anpassungsfähigkeit aller unserer Produkte wirklich und ermöglichen unseren Anwendern, auch zukünftige Entscheidungen unabhängig von unserer Geschäftsstrategie zu fällen. Vergleichen Sie das einmal mit der Politik der großen Anbieter, die sich nach Kräften um eine Repositionierung als Plattformlieferanten bemühen, deren Produkte ihre Vorzüge in der vermeintlich einfachen Integðration vorhandener Bestandteile haben. Weder SAP noch Microsoft sehen in ihren heutigen Geschäftsmodellen vor, dass mit vergleichbarem Aufwand eine andere Integrationsplattform als die jeweils eigene eingesetzt werden kann.
Godelef Kühl ist Vorstandsvorsitzender der godesys AG.
IT&PRODUCTION, 10-2007