Herausforderung Mittelstand:
Harmonisierte, globale Prozesse im Idealfall
Die SAP ist seit langer Zeit im Mittelstand vertreten. Genauer gesagt, bietet das Walldorfer Unternehmen mittelständische Lösungen an, seitdem es auf dem Markt ist. In Deutschland setzen heute 2.850 Kunden SAP All in One ein. ERP-Lösungen für den Mittelstand sind spezifisch ausgeprägte Suiten, die sowohl von SAP als auch von Partnern angeboten werden. Spezifisch bedeutet: vorkonfiguriert und in den branchenspezifischen Prozessen ausgeprägt. Andreas Naunin, Leiter des Unternehmensbereichs Mittelstand der SAP Deutschland, sprach mit der Redakteurin der Fachzeitschrift IT&Production über den Kostendruck durch Globalisierung und Internationalisierung sowie die Herausforderung, ein mittelständisches Unternehmen erfolgreich durch dieses Fahrwasser zu steuern.
Herr Naunin, vorab: Mittelstand ist ein dehnbarer Begriff. Wovon reden wir, wenn wir über den mittelständischen SAP-Interessenten sprechen?
Andreas Naunin: Unsere Mittelstandsdefinition orientiert sich am Umsatz. Mittelstand beginnt demnach bei Unternehmen, die mit zehn Mitarbeitern vielleicht 1 Mio. Umsatz erzielen und geht bis hin zu Unternehmen, die rund 500 Mio. Umsatz erwirtschaften. Das ist in der Tat ein weites Feld. Wir gehen keinesfalls davon aus, dass wir mit einem einzigen Produkt die richtige Lösung für potenzielle Kunden anbieten können. Wir haben ein sehr differenziertes Lösungsangebot. Kleinen Unternehmen bieten wir SAP Business One an. Die Anforderungen des jeweiligen Unternehmens bestimmen letztendlich, welche Lösung zum Einsatz kommt. Gehen wir mal davon aus, dass wir Business One für Unternehmen mit bis zu 100 Mitarbeitern und bis zu 20 Mio. Umsatz anbieten. Es kann durchaus sein, dass es sich um ein kleines mittelständisches Maschinenbau-Unternehmen mit komplexeren und individuelleren Anforderungen handelt. Dort bieten wir eine All in One-Lösung an.
Wie sieht es denn mit vertikalen Lösungen für die Fertigungsindustrie aus?
Naunin: Die Fertigungsindustrie hat für SAP eine lange Tradition. Von den 2.850 Kunden sind knapp 1.300 im Bereich der Fertigungsindustrie angesiedelt. Wir sind in Teilbranchen proportional stark vertreten, insbesondere im Bereich Automotive, im Maschinenbau, Engineering & Construction und Hightech. Es ist uns wichtig, uns aus der Sicht eines Kundenprofils einer Lösung anzunähern. Wir unterscheiden vier Profile: Kleine Unternehmen sind mit sehr wenig Ressourcen ausgestattet. Deren Investitionsbereitschaft ist, einzig durch die Mittel, die diese Unternehmen zur Verfügung haben, begrenzt. Hier bieten wir Business One als wenig komplexe Geschäftssoftware an. Dann bieten wir All in One als ein vorkonfiguriertes, sehr schlankes und Branchen-ausgeprägtes Lösungspaket an, zum Beispiel für Komponentenfertiger. Zu einem Festpreis von 60 externen Beratertagen realisieren wir die Einführung der gesamten ERP-Lösung. Das richtet sich an Unternehmen, die vor allem ihre grundlegenden betriebswirtschaftlichen Aufgaben abdecken müssen. Hier spielt nicht die Individualisierung, sondern gerade die Standardisierung die wichtigste Rolle. Diese Unternehmen wollen mit einer auf Standards basierenden Lösung Transparenz entlang ihrer Geschäftsprozesse erzielen, ihre Unternehmenssteuerung verbessern und unter Umständen unterschiedliche Altsysteme konsolidieren wollen.

Andreas Naunin: "Der deutsche Mittelstand wird derzeit von verschiedenen Faktoren zur Dynamik bewegt. Es wäre falsch zu behaupten, er sei nicht freiwillig auf diesem Weg."
Worin besteht denn die eigentliche Herausforderung an eine IT-Lösung für den Mittelstand?
Naunin: Wir kommen jetzt mit weiteren kompakten Mittelstandlösungen auf dem Markt, in den Bereichen Automotive-Supplier, Kunstoff/Spritzguss, Maschinenbau und Kleinserienfertiger sowie Metallverabeitung. Für die genannten Brachen haben wir jeweils schlanke und kompakte Mittelstandslösungen entwickelt. Diese wenden sich an Unternehmen mit einem Jahrsumsatz zwischen 20 Mio. und 80 Mio. Euro. Der Ansatz trägt der Tatsache Rechnung, dass diese Unternehmen auf der einen Seite begrenzte Budgets zur Verfügung haben, auf der anderen Seite benötigen sie eine komplette ERP-Lösung. Dann haben wir SAP All in One in unterschiedlichen Ausprägungen mit der Möglichkeit, zu individualisieren, sprich unternehmensspezifisch auszuprägen und weiter für das Unternehmen wichtige Systeme anzubinden. Unser Credo lautet, die Systeme nach Möglichkeit mit einem hohen Maß als Standard abzubilden, um die Komplexität und Laufzeiten gering zu halten, um die Unternehmen nur über eine möglichst kurze Zeitspanne zu belasten. Die eigentliche Herausforderung bei der Aufgabenstellung "Systeme für den Mittelstand" besteht nicht nur in der Bereitstellung der finanziellen Mittel, sondern auch in der Bereitstellung der Ressourcen. Gleichzeitig muss ein zentraler Ansatz sein, dort, wo Wettbewerbsvorteile für Unternehmen entstehen, die Lösung entsprechend zu differenzieren. Wir arbeiten in Deutschland sehr stark mit Partnern zusammen. In der Fertigungsindustrie sind das zahlreiche, um einige wichtige zu nennen: All for One, Itelligence, IBS, C1. In der Zusammenarbeit mit unseren Partnern ist ein wesentliches Merkmal die ausgewiesene Branchenexpertise. Wir sind fest davon überzeugt, dass für ein kritisches Element wie die Abbildung von Unternehmensprozessen und Unternehmenssteuerung Branchenwissen und Lösungs-Know-how unerlässlich sind. Gemeinsam mit unseren Partnern sind wir in der Lage, genau die richtige Lösung anzubieten und der Forderung des Mittelstands nach einer schnellen Systemeinführung und präzisen Industrieabdeckung gerecht zu werden.
Und welchen Herausforderungen muss sich der Mittelständler mit seiner Unternehmens-IT stellen?
Naunin: Der deutsche Mittelstand wird derzeit von verschiedenen Faktoren zur Dynamik bewegt. Es wäre falsch zu behaupten, er sei nicht freiwillig auf diesem Weg. Wir haben zum Beispiel sehr erfolgreiche kleine mittelständische Unternehmen, die mit einer erfolgreichen Internationalisierung die Marktführerschaft in ihrem Segment erreicht haben. Was Unternehmen sicherlich nicht ganz freiwillig mitmachen, ist der Kostendruck durch Globalisierung. Es ist heute so, dass ganze Maschinen in China kopiert werden, bis hin zu Spezifikationen und Anwender-Dokumentationen. Die Maschinen werden also zu einem Bruchteil in vergleichbarer Qualität hergestellt. Das setzt deutsche Unternehmen, die eine andere Kostenstruktur haben, unter enormen Druck. Diese Unternehmen müssen heute reagieren. Andernfalls fliegen sie bei 60% bis zu 70% oder 80% Preisunterschied aus den Märkten raus. Internationalisierung - insbesondere, wenn sie die Produktion verlagern -, ist nicht einfach, weil sie interkulturelle Aspekte managen müssen. Weil im Heimatmarkt stark sein nicht bedeutet, diesen Erfolg international fortsetzen zu können. Wenn sie hierzulande operativ stark sind, bedeutet das noch lange nicht, dass ihre Unternehmensführung internationale Tochtergesellschaften managen kann. Das sind ganz andere Herausforderungen, auf die man sich unter Umständen nicht vorbereiten kann. Jedes Unternehmen, das eine erfolgreiche Internationalisierung hinter sich hat und in China produziert, macht entsprechende Erfahrungen. Das ist eine wahre Herausforderung, das gleiche gilt dann auch für die Steuerung des Unternehmens. Wenn wir das auf ERP-Systeme beziehen, ist es etwas anderes, ob sie in Deutschland an zwei Standorten ein ERP-System einführen oder ob sie Transparenz in ihre Tochtergesellschaften bringen möchten. Da geht es um vereinheitlichte Unternehmensprozesse, harmonisierte Prozesse im Idealfall. Das bedeutet, dass sie das Unternehmen mit all seinen Mitarbeitern, dem Management dazu bewegen, Prozesse zu verändern. Dies aus der Distanz, aus einer zentralen Unternehmenssteuerung zu führen, ist ein schwieriges Unterfangen.
Andreas Naunin ist Leiter des Unternehmensbereichs Mittelstand der SAP Deutschland
IT&PRODUCTION, 09-2007