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Zurück zur Fertigungstiefe - Zeitgemäße Produktionsorganisation



Jahrelang wurde Outsourcing als Erfolgsstrategie für die Investitionsgüterindustrie gepredigt. Bei der Umsetzung haben Unternehmen sich selbst die Luft zum Atmen genommen. Die Cash Flow-Situation verschlechterte sich, an der Wertschöpfung verdienen mittlerweile Lieferanten.

Was nutzt die kostengünstige Beschaffung von Stahlbauelementen, angefertigt zum Beispiel in der Tschechischen Republik, wenn der LKW, der die dringend benötigten Teile zum Standort in Gelsenkirchen bringen soll, auf der Autobahn zwischen München und Augsburg im Stau steht? Mit einem Lieferanten in Recklinghausen oder bei Eigenerstellung wäre das nicht passiert. Die Konzepte, nach denen das Lager der Unternehmen auf der Autobahn unterwegs ist und trotzdem "in time" oder gar "in sequence" geliefert werden soll, sind in der Realität häufig gescheitert und erscheinen zunehmend als fragwürdig. Mehr und mehr ist eine steigende Anzahl von Einkäufern und Arbeitsvorbereitern im Unternehmen damit beschäftigt, die täglichen logistischen Probleme bei der Beschaffung zu lösen, und telefoniert mit hohem Aufwand dem Bedarf für die Kundenaufträge hinterher. Die Kosten für diese zeit- und personalaufwändigen Aktivitäten finden sich nicht in der Kalkulation für den Einkauf der Zulieferteile wieder. Verantwortliche in der Produktion haben sich häufig zu leicht und kampflos zu der Annahme verstiegen, ihre Produktion sei gegenüber der externen Beschaffung zu teuer, anstatt durch gezielte organisatorische Verbesserung ihre Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Ergebnis ist, dass eine immer kleiner werdende Wertschöpfung im Unternehmen einen immer größeren bürokratischen Wasserkopf unterhalten muss.

Wenn sich Unternehmen in die Lage versetzen, den größten Teil ihres eigenen Produktes konstruktiv und fertigungstechnisch zu beherrschen, so können sie auch gezielt Mechanismen zum Schutz des eigenen Produkts einfließen lassen, die das Kopieren erschweren. Bildquelle: obs/Heidelberger Druckmaschinen AG

Flexibel in konjunkturellen Zyklen



Wenn ein Produktionsunternehmen nur noch das tut, was es als Kernkompetenz besonders gut beherrscht, kann es konjunkturelle Schwankungen in der Auftragslage kaum flexibel auffangen, dabei wäre ein hohes Maß an Flexibilität in einer Branche wie der Investitionsgüterindustrie, die eng an das Auf und Ab konjunktureller Zyklen gebunden ist, wünschenswert. Unternehmen mit kleinem Fertigungsprogramm und geringer Fertigungstiefe sind von Auftragsschwankungen unmittelbar betroffen. Weist der Fertigungsmix dagegen eine hohe Fertigungsbreite und -tiefe auf, sind flexible Reaktionen weitaus einfacher. Bei hoher Auslastung können Teile von Fremdfirmen gefertigt werden, die in Phasen geringer Auslastung selbst produziert werden. So kann ein Unternehmen schwache Phasen mit dem Abbau von Arbeitszeitkonten überstehen, anstatt mit Kurzarbeit oder der Entlassung von Mitarbeitern, die es bei späterem Bedarf auch nicht problemlos wiederfindet, zu reagieren.

Outsourcing-Folgen für Fertigungsunternehmen: Eine immer kleiner werdende Wertschöpfung muss einen immer größeren bürokratischen Wasserkopf unterhalten, während die dringend benötigten Teile des Lieferanten im Stau feststecken. Bildquelle: pixelio.de

Fundiertes Wissen für Plagiatschutz



Ein weiteres Argument spricht dafür, mehr Teile selbst zu fertigen. Der Investitionsgüterindustrie entsteht ein enormer Schaden durch den Nachbau und die Fälschung ihrer Produkte durch Dritte. Die eigenen Produkte durch tiefes Expertenwissen im Engineering und fundiertes Prozesswissen in der Fertigung zu schützen, ist eine wichtige Strategie zur Bekämpfung der Produktpiraterie. Wenn sich Unternehmen in die Lage versetzen, den größten Teil ihres eigenen Produktes konstruktiv und fertigungstechnisch zu beherrschen, so können sie auch gezielt Mechanismen zum Schutz des eigenen Produkts einfließen lassen, die das Kopieren erschweren. Gerade ausgefeilte Fertigungsverfahren bis hin zur Automatisierung eignen sich zum technischen Produktschutz. Ein Produktionsunternehmen lebt von der Produktion. Es wurde bereits angedeutet, wie schädlich es für ein produzierendes Unternehmen ist, immer höhere Kosten in der Verwaltung mit immer weniger eigener Wertschöpfung zu bezahlen. Die Strategie des Outsourcings trägt in diesem Zusammenhang die Züge von Selbststrangulation. Die Unternehmen nehmen sich selbst die Luft zum Atmen. Während sich die Cash Flow-Situation verschlechtert, verdienen an der Wertschöpfung im hohen Maße die Lieferanten. Das belastet das Ergebnis und leistet sicherlich keinen Beitrag zur besseren Ausstattung mit Eigenkapital, so dass gleichzeitig die Abhängigkeit gegenüber externen Kapitalgebern wächst. Produktionsunternehmen, die solche bleiben wollen, sind also gut beraten, sich auch auf die Produktion zu fokussieren und aus ihr möglichst viel Mehrwert zu erwirtschaften.

Zwei Drittel der Zeiten unproduktiv



Wenn eine Vergrößerung der Fertigungstiefe die Flexibilität erhöht, dem Produktschutz dienlich ist und die Cash Flow-Situation verbessert, dann sollten sich Unternehmen dringend mit der Umsetzung dieser Strategie befassen. Jedoch gibt der Leistungsstand der Produktionsprozesse nicht gerade Anlass dazu, die Fertigung auszuweiten. Führt man sich vor Augen, dass im "goldenen Schnitt" der Branche zwischen der Freigabe und dem Abschluss eines Fertigungsauftrags gerade einmal ein Drittel produktive Zeiten, jedoch zwei Drittel unproduktive Zeiten stecken, wird klar, dass größere Fertigungstiefe und -breite nicht per se erfolgreich sind. Wenn die Fertigungsaufträge nur zu einem Drittel der Zeit auf Maschinen oder in der Montage bearbeitet werden und zwei Drittel Liege- und Transportzeiten sind, wird das in diesen Prozessen brach liegende Potenzial sichtbar. Gravierender sind die Verhältnisse zwischen produktiver und unproduktiver Zeit, sieht man auf den Zeitraum zwischen Auftragseingang und Versand der Produkte. Hier ergibt sich gar ein Missverhältnis von nur 5% bis 10% produktiver Zeiten gegenüber 90% bis 95% unproduktiver Zeiten.

Fertigungsprozesse steuern



Aus diesen Zahlen geht hervor, dass die Prozesse und Abläufe in Produktion und Montage dringend der Optimierung bedürfen. "Durchsatzoptimierte Strategien statt Kostenoptimierung" und "Prozessorientierung statt Verrichtungsprinzip" sind die Schlagworte einer modernen und zeitgemäßen Produktionsorganisation. Dazu gehört zum Beispiel, sich bei den Losgrößen darauf zu beschränken, nur das zu fertigen, was vom Kunden bestellt wurde und zeitnah zu einem Umsatz für das Unternehmen führt. Natürlich erhöht eine kundenauftragsindividuelle Fertigung mit großer Fertigungstiefe die Komplexität der Prozesse immens. Ohne die Hilfsmittel der IT sind diese Prozesse weder in der ausreichenden Form planbar noch steuerbar. Wirkungsvolle Hilfsmittel für den Arbeitsvorbereiter sowie den Meister in Produktion und Montage sind Manufacturing Execution System (MES)-Lösungen. Mit ihrer Hilfe können Fertigungsaufträge rückstandsfrei und gegen die verfügbaren Ressourcen, etwa Personal, Material, Fertigungsmittel, geplant und gesteuert werden. Es ist also möglich und macht Sinn, sich über die Vergrößerung der Fertigungstiefe Gedanken zu machen. Um erfolgreich zu sein, müssen Fertigungsprozesse verbessert werden und es müssen Hilfsmittel zum Einsatz kommen, die die Fertigungssteuerung unter den gegebenen komplexen Bedingungen zulassen.

Autor Volker Schnittler ist Mitarbeiter in der Abteilung Informatik des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V. (VDMA) in Frankfurt/Main.
Internet: www.vdma.org   


IT&PRODUCTION, 05-2007



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